Schwimmen im Mondego (Port 2)

Von Stefan Lessmann/

Der Komparatist Stefan Lessmann berichtet in einer sommerlichen Kolumne über seine Erfahrungen in Portugal. In Teil 1 besuchte er das Museum und den Park Calouste Gulbenkian, in Teil 2 räsoniert er während großer Hitze über portugiesischen Badespaß.

Von der Sternenwüste bis zum Atlantik fließt der Fluss Mondego. Er ist der größte Fluss Portugals, der nie die Landesgrenzen verlässt (258,3 km). Auf seinem Weg umschlängelt er die Universitätsstadt Coimbra und bietet deren EinwohnInnen und StudentInnen Erhohlung und Abkühlung.

Wieder in Österreich höre ich im Radio auf Ö1 die Sendung „Punkt eins“ – diesmal unter dem Titel „Das Wasser lesen“. Autor John von Düffel und Rettungsschwimmerin Barbara Nehiba reden über die „Kulturtechnik des Schwimmens“, es moderiert Andreas Obrecht. Eine Anruferin will wissen, ab wann ihr Enkelkind schwimmen lernen kann, ab drei Jahren, sagt Frau Nehiba. Man lernt außerdem den Begriff  „Wasserlage“ kennen. Dieser bezeichnet die Position des Körpers beim Schwimmen im Wasser, sie sei angeboren und nur schwer zu verändern, sagt Herr von Düffel.

Ich denke an den Mondego: Direkt in Coimbra gibt es ein Strandbad, doch dort ist es überhaupt nicht tief. Was ziemlich überraschend ist, denn der Mondego ist kein Rinnsaal, sondern ein breiter, stattlicher Fluss – siehe Foto. „Im Wasser spazieren gehen“ nennt es ein Freund, als ich nach tiefen Stellen suche. Als im schönen Binnenland Österreich Geborener meine ich, dass fast jeder Tümpel zum Baden taugt. Die Einheimischen machen lieber Stand-up-Paddeln oder schwingen sich im Kanu durch die Fluten. Zu schwimmen, das versucht keiner. Nach der Abkühlung kann man sich am Kiosk saure Bohnen holen. Die so genannten „tremoços“ werden nicht nur am Abend zum Bier gereicht, sondern auch untertags als erfrischender Snack zu sich genommen. Man hakt einen der oberen Schneidezähne in die kleine Öffnung der Bohne und löst diese dann aus ihrer plastikähnlichen Haut. Geschmacklich ist das sehr nahe beim Essiggurkerl. Danach kann man sich wieder ins kühle Nass stürzen, am Handy Shakira hören oder eine Eloge auf den Mondego schreiben. Denn laut Wikipedia sei der Mondego ein beliebtes Motiv in der portugiesischen Literatur und im Fado. Übrigens gebe es auch ein anderes Strandbad, weiter weg, sagt der Freund, dort sei es tiefer. Doch so weit wollen wir uns von Coimbra und der am Hügel thronenden Universität doch nicht entfernen.

© Text und Foto Stefan Lessmann, 2017.