von Michael Brunner/
Die Parallel musste in ihrem fünften Jahr das alte Post-und Telegrafenamt im Zentrum Wien’s verlassen, da dieses nun endlich der leistungswilligen Elite angemessene Eigentumswohnungen bieten wird. Die jugendfreudige Kunstmesse für Partypeople, Avantgardisten und solche, die dazu gehören wollen, fand aber sowieso eine viel bessere Location: die alte Sigmund-Freud-Universität in Wien-Erdberg. Mit Kunst besetzt wurde ein 10-stöckiger Bausatzplattenbau mit beklemmender Internatsatmosphäre, Tiefgarage für deepe Parties und grandiosen Ausblicken auf Autobahnkreuz, Hochhäuser und sausende Lichter. Lediglich die grün lackierten Einbauschränke im ganzen Gebäude sorgten offenbar bei einigen der eher White Cube-orientierten Galerien, die sich eingemietet hatten, für Unbehagen, so dass sie vielfach überstrichen wurden. Auch die katastrophale Lichtsituation und die niedrigen und oft knapp bemessenen Räume sind für professionelle Ansprüche natürlich ein Problem. Für das aufreizende Gefühl einer künstlerischen Eroberung des Leerstandes, für aufgekratztes mittendrin sein, hätte aber kein besserer Ort gefunden werden können. Die von Künstlerinnen individuell gestalteten Räume in den oberen Stockwerken sind das Highlight des Events. Die wenige Quadratmeter großen einstigen Wohnparzellen für Studierende mit ihrem Weitblick auf die suburbane Mondlandschaft sind schon für sich ein Bild der pubertären Melancholie und Einsamkeit. Dieser Rahmen wurde von vielen Installationen aufgegriffen. Mit oft einfachen Mitteln, kleinem Budget und in kurzer Zeit wurde eine Hand voll gelungener Lösungen gefunden. Ev Hettmer’s raumgroßes Schoko-Haus ist so ein netter Einfall. Das Motiv des kleinen Häuschens kommt nicht nur einmal vor. Es ist das offensichtliche Motiv der Veranstaltung. Zu erwähnen ist auch ein (von Anamarija Batista ) sensibel und kunstfachkundig eingerichteter Raum unter der Schirmherrschaft von Kulturkontakt Austria mit humorvollen und total wahren Arbeiten von Dariia Kuzmych, Alicja Rogalska, Julian Turner [übersehen Sie nicht „Italian Sliding Door“!], Anna Witt und Bassem Yousri. Unter dem Titel „Das Innere wartet draussen auf dich“ erzeugt der Raum ästhetische Akzeptanz durch ein unter die Oberfläche reichendes Zeitgefühl und nicht weil er narzisstisch danach brüllt.
Die Galerie Bechter Kastowsky zeigt auf professionelle Weise Malereien von Aurelia Gratzer. Die sind handwerklich bestechend und nicht nur dadurch so großartig, dass sie aus einer ganzen Menge Präpotenz tatsächlich wie Perlen herausleuchten. Denn die Sensibilität für Raum, Architektur, Material und Zeit, die viele Teilnehmerinnen mit ihren Interventionen beweisen, die immer wieder vorhandene Qualität einzelner Objekte auch in den insgesamt eher lieblos gemachten Räumen ist im corporate-Teil der Ausstellung nirgendwo mehr zu sehen. Mit einer Art Falco-bezüglichem Dekadenzgehabe hat man zum Teil dumpfeste Signature-Ideen von oft eben noch nicht reifen (ein Unwort!) Künstlerinnen ( ad -innen: es riecht allerdings sehr nach Männlichkeit) zu prominent aufgeblasen und gleich noch für den Glamourfaktor Hermann Nitsch und Erwin Wurm dazwischen gepackt. Beide Räume der Stars sind deplaciert. Sie wirken wie Souvenirläden. Natürlich geht es offenbar um Merchandising: eine (fast durchgehend männliche) österreichische Kulturmarke präsentieren.
Im Erdgeschoß hat der Maitre des Ganzen eine Ausstellung kuratiert, die man nicht so leicht wegstecken kann oder will. Der Raum war Schalt-und Rechenzentrum, ein Bass wummert, EDV-Möblierung mit Kunst dazwischen, ein roter Teppich (der auch Kunst ist). Zeichnungsgemälde von Franz Graf, farbige Holzschnittplatten von Hans Weigand, das Hipster-Wohnen illustrierende Gemälde von Alex Ruthner (bis hierher an sich tolle Arbeiten) und richtig faszinierende Kohlekringel auf roher Leinwand des Kunstsatirikers, Kapitalismusverstehers und Wellenreiters Christian Rosa. Dazwischen werden noch Antiquitäten mit Preisschildchen (1600€ für eine so genannte Mid-Century Lampe zum Beispiel) aufgestellt, die offenbar die Wohnkultur der Rennrad-fahrenden Werbefachleute in Wien Neubau nachempfinden sollen. Vielleicht wurde auch nur der Keller ausgeräumt. Die prägenden Gestalter*innen dieser Ausstellung glauben offenbar an nichts Anderes mehr (oder immer noch nichts Anderes) als die Dummheit des Kunstkaufpublikums, das schon alles früher oder später anerkennen wird, wenn man es nur mit dem Zeug nicht in Ruhe lässt und träumen sich dabei gleichzeitig in die eigene Jugend zurück, in die frühen Neunziger. „Ach war das noch schön“, hört man ein Stöhnen, als noch echte Männer, und zwar vor allem Männer, Sperma, Blut und Achselschweiß die Kunst beherrschten. Eine Frechheit und eine Nostalgie ist diese Ausstellung. Dieser kapitalistische Nihilismus, fragt man sich, kann doch nicht ernsthaft noch immer eine Haltung sein. Aber man kann sich schon gut hineinfühlen in diese Notgeilheit. Das ist schon alles ein stimmiges Erlebnis und mit etwas Wohlwollen kann man es ja alles als Sarkasmus, vielleicht als Endzeit-Panorama, lesen.
Wird jetzt eigentlich empfohlen hinzugehen? Unbedingt. Man soll es sich antun.
/Von Michael Brunner/