• Prohibido el paso – An exhibition of Esvín Lam

    by Michael Brunner/

    Esvin Alarcón Lam, born in 1988 in Ciudad de Guatemala, dedicates his latest hometown show to an examination of the paradoxes of style politics that can be observed in the Central American metropolis. The effects of often unarticulated aesthetico-political tensions in Guatemala generally leaves foreign (and often native) observers speechless. All the more valuable is the experience of this exhibition, which is coded by a language of contemporary art that we can hardly describe yet, although we „speak“ it fluently. Such a language was established by a travelling audience and seems to be globally readable today.

    The work of Alarcón Lam, who thus belongs to the internationally networked stratum of art, usually consists of two phases. Firstly, the search for and collection of elements of urban design and architecture, and secondly, their artistic transformation. From this artistic digestion of the raw and often corroded fragments of urbanity emerge sculptural installations that superficially and intentionally recall the style of modernist abstraction and emphasize the inherent symbolic qualities of the material.
    For the exhibition at La ERRE, one of La Capital’s most important non-commercial art spaces, Alarcón Lam brought with him cut-out ornamental parts of fences, balcony balustrades or window grilles and arranged them seemingly playfully or contingent. In addition to the arrangement of these grids and wrought iron parts on white vertical surfaces, Lam presents a series of seven nearly identical steel sculptures painted dark-blue, white, and light-blue. Each standing independently on two „feet“, they assemble in two interlocking rows in the middle of the old factory hall like a road block or a troop of guards forming a chain. A floor painting of coloured lines, including a telling white-blue double line („la bandera blanco-azul“), completes the picture.


    On the one hand, the sculptures draw attention to the architectural, sculptural and in general stylistic symptoms of the extreme differences between the social strata in Guatemala, which manifest themselves as an urban space in which all kinds of space-political means of separation stand out. Houses, terraces, balconies, and gardens of the growing middle class and the rich upper class of the Central American metropolis not only have fences and parapets, but are often secured with cameras, several layers of barbed wire, or by privately hired armed guards. In addition, however, the objects refer to an aspect that is closely related to the notoriously modern question of style. The cut-outs of the traditionally elaborately forged fences and balconies refer to what the Ecuadorian-mexican philosopher Bolívar Echeverría called the baroque mode of modernity (and vice versa the modernity of the baroque), namely the anti-colonial impulse subversively expressed by the Latin American ‘colonial’ baroque style itself, and accordingly also by Latin American modernism and its baroque strategy of stylistic mestizaje.


    The seven sculptures complement the subtext given by the iron-snippets. They represent the outline of balcony parapets and of patterns of floor tiles of the Teatro Nacional in Guatemala also named Centro Cultural Miguel Angel Asturias after the country’s famous winner of the nobel prize in literature. The building (1973) by the artist-engineer Efraín Recinos is now the epitome of the country’s seemingly paradoxical attempt to simultaneously strive for modernity and tradition.The context of asking questions about the buildings stylistic homogeneity or originality reveals the aspirations and failures of modernity, which in many regions of Latin America played an important role in the process of nationalist-driven cultural decolonization. In the case of Guatemala, this nationalist-motivated decolonial development failed in many ways to dissolve internal social, ethnic and cultural tensions. The exhibition thus lays open how paradoxically moments of inclusion and exclusion are adjacent in the baroque of fences and walls, how cosmopolitan and anti-colonial elements are paradoxically contiguous to nationalist self-branding within the baroque mode of modernity.

    These complex relationships between social conditions and style become visible through a simple but brilliant artistic work on the material that has been made to speak of its own history and aesthetico-political impact.

    The show was at the Centro Cultural La Erre, Ciudad de Guatemala, until 03/2019.

    © [Images] Esvín Alarcón Lam 2019. Courtesy of Centro Cultural La Erre & Henrique Faria New York & Buenos Aires.

    ©[Text] Michael Brunner 2019

  • Mutig, mutig. Aus dem Maschinenraum #2

    „Obwohl er sich sehr wohl fühlte in seinem kleinen Haus an der Landstraße mit seinem kleinen Garten, den er mit allerlei Blumen bepflanzt hatte, einem Kirsch-und einem Apfelbaum, einer Terrasse mit Grill und einem Gemüsegarten, in dem die Hühner umherliefen, fasste er eines Tages plötzlich, so dass er beinahe von sich selbst überrascht war, den Entschluss, den Kirschbaum und den Apfelbaum, die Hühner und sein kleines Häuschen im Stich zu lassen, und sich mit dem Rucksack marschierend auf die Landstraße zu werfen, an der er so lange gelebt hatte und deren Windungen er seit seiner Kindheit mit den Augen bis zum Horizont gefolgt war.“

  • Bertran (Warschau). Aus dem Maschinenraum #1

    von Michael Brunner/

    Bertran ist auf dem Nachhauseweg von wer-weiß-wo einkaufen gewesen. Er sieht mich nicht, sieht nichts, taxiert nicht den Raum. Jetzt setzt er sich zu mir an den aus Sperrholz gezimmerten Tisch. Er packt zwei unglaubliche Tortenstücke aus einer hochglanzbedruckten Konditorenschachtel aus. Dann isst er aber erst mal ein nahrhaft aussehendes mit Käse und Speck überbackenes Brötchen, das er noch zusätzlich üppig mit Salami und Weichkäse belegt. Sein Blick hellt sich auf. Er kommt ein bisschen im Diesseits an. Bertran ist ein großer Kerl. Er sieht gut aus. Er hat glänzende, nachlässig oder vor allem lässig nach hinten gekämmte schwarze Haare. Harte, kantige Optik, offener Blick, schüchterner Schritt. Ich bin da anders. Ich bin klein, aber ich trample und stampfe und halte mich aufrecht. Das sind wir zwei.

    Wir sitzen am morgen im Frühstücksraum des Hostels, in dem wir beide übernachten. Man darf sich dort selbst sein Frühstück zubereiten oder eines kaufen. Der Kühlschrank hat während der Nacht, als ich dort auf den Morgen gewartet habe, mit seinem ärgerlichen Dröhnen und seinem vollgefressen glucksenden Bauch wie ein bedrohlicher Geist da gestanden. Jetzt wird er aber von allen akzeptiert und öffnet seine Tür. Gelegentlich kommen und gehen Leute. Sie setzen Kaffeewasser auf und laufen schnell die Treppe hinunter zum Supermarkt im Erdgeschoss. Wenn die Filterkaffeemaschine brodelt, kehren sie mit vollen Brötchentüten zurück. Sie holen Käsescheiben in Plastikschalen aus dem Kühlschrank und Honigtöpfe aus den Regalen.

    Eine in Karamell gehüllte Walnuss liegt auf der Cremetorte, die Bertran jetzt in Angriff nimmt, halb eingesunken in der Buttercreme. Bertran schlingt das halbe Tortenstück mit einem Bissen hinunter, man hört die Karamellnuss irgendwo in seinen aufgeblähten Backen knacken und man stellt sich vor wie die süßen Splitter und der Speichel und die Creme vermischt durch die große Lücke zwischen seinen Schneidezähnen quellen. Er riecht nach Zigarettenrauch. Seine Lider sind schwer. Sein Körper, der ist jetzt gelockert und seine ellenlangen Glieder haben in der Nacht, im Club, eine sinnvolle Ausrichtung bekommen. Im Oktober war er in Prag, jetzt Warschau, als nächstes Berlin. Überall trinken, , tanzen, ephemeren Sex. Dann wieder zurück. Billigflug. Billighostel. Im Hemd schlafen. Lohnt sich gar nicht auszuziehen. Er trägt seit vier Tagen, seit ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, dasselbe weiße Hemd. Es hat einen ziemlich großen, braunroten Blutfleck an seinem rechten Ärmel, so dass man es gut identifizieren kann. Am Abend duschen, das Hemd lüften, dann das Hemd wieder anziehen, After shave. Jetzt ordentlich futtern. Ein netter Kerl. „Get a fork“, sagt Bertran, „we share that cake. It’s called Toffee-cake. It is to big for one.” Ich stehe auf und hole eine Gabel aus einer der Schubladen und nehme eine Tasse für Bertran von einem Regal oberhalb der Spüle, damit ich ihm Kaffee anbieten kann.

    „Our american friend has already left“, sagt er. Er meint John, den beleibten floridianischen Backpacker, mit dem ich am Abend vorher einige Worte gewechselt habe, als Bertran und er sich mit dem drogenverseuchten Typen aus Mexiko für die Nacht eingesoffen haben. Offen gesagt habe ich auch mit Betran erst ein, zwei Sätze ausgetauscht, sonst nur alberne heruntergekühlte Blicke gewechselt. Aber an diesem morgen, also kurz vor Montag, wenn er in Uppsala wieder seinen Job als IT-Sklave in der unteren Ebene eines Internet-Startups antreten muss, reden wir wie alte Freunde. Er spricht über Berlin, sein nächstes Ziel.  Er war noch nie dort. Man könne dort ganz billig hinfliegen von Uppsala aus. Von Uppsala aus gehe alles günstig, aber dort sein sei ziemlich teuer, meint er. „Alkohol?“, frage ich. „Ja genau“, aber aus Alkohol mache er sich eigentlich nicht so viel. Clubbing ist sein Ding. Tanzen, Leute kennen lernen. Er fragt mich nach Berlin und ich behaupte, dass man in Berlin gut „clubbing“ machen könne, und auch wie und wo, so weit ich eben davon gehört habe. Ich merke, dass ich einfach seine Vorstellungen aussprechen will, weil das der leichteste Weg ist, weil Kommunikation so eine elend schwere Aufgabe ist. Es drängt mich dazu es leicht zu machen.

    Für eine Weile wird es still. Wie sieht jemand aus, der gerade nichts denkt? So wie Bertran beim Kuchen essen. Dieser Mann ist gerade nicht im Denkmodus, sondern eher im Übergang. Vielleicht beim Tanzen im Denkmodus. Und sonst immer nur im Übergang. Jetzt jedenfalls. Zwischen Warschau und Uppsala. Zwischen Arbeit und Abseits, zwischen Tag und Nacht, zwischen Notwendigkeit und Entfaltung. Aber immer einsam, nur meistens ohne Gefühl, ohne Trauer darüber. Jetzt aber findet er sich plötzlich dabei wieder warten zu müssen. Niemand zur Hand als dieser Typ da, ich, dem man jetzt ein bisschen Gemeinsamkeit abquetschen muss, um alles erträglich zu machen. Gerade ist da sonst nur ein Loch.

    Er nimmt ein riesiges Stück von der Toffeetorte und steckt es sich in den Mund. Er sagt irgendetwas über den Kuchen. Ich breche mit meiner Gabel durch die steinharte Schokoladenschicht und das zähklebrige Toffee und die Buttercreme und dazwischen die hauchdünnen Schichten von Biskuit und koste ein ansehnliches Stück. Ich sage ebenfalls etwas, krass oder lecker oder dergleichen. Das ist ja wohl ein Ritual, das Ganze. Ein künstliches Etwas, ein nicht-Geborenes, ein von uns gewolltes Ding. Bertran nimmt noch ein Stück und dann wieder ich. Ich fühle die Nähe im Entfernten. Teilen. Teilbares finden. Schönheit. Wir arbeiten an einem Symbol der gemeinsamen Existenz, Bertran und ich. Ich habe mein Schneckenhaus zu Hause, ich bin hier fremd. Er trägt es mit sich. Bertran hat sein Schneckenhaus in ein paar Sätzen, in der ständigen Bereitschaft zu ein paar Sätzen, die er zu Fremden sagen kann. Er sagt noch ein paar Sätze darüber wie lustig und versoffen der Floridianer sei. Nachdem er wieder ein richtig großes Stück Toffeekuchen runterschluckt, blickt er mich erwartungsvoll an. Der Kuchen muss weg, soll das heißen.

    -„I take one more piece, then I am done with it.”

    -“John would have liked this cake so much. He would have loved it“, sagt er und ich spüre die abgrundtiefe Trauer, ich höre das Schluchzen im Text. Bertran erzählt noch ein, zwei Dinge über John. John mag Deutschland, weil er Bier mag. John ist lustig. John war, als ich ihn gestern gesehen habe, jedenfalls saubesoffen, soviel kann ich sagen. Er und der Mexikaner haben die ganze Nacht wie Hunde gejault. Bertran verwendet Snapchat. Er hat die Kuchengabel in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, er zeigt mir Bilder von letzter Nacht, die er an die Anderen verschickt und ich sage, dass er wohl viel jünger sein müsse als ich, weil das an mir noch vorbeigegangen sei. „I am twenty seven“ , sagt er, „I am probably to old to use it.“

    Sein Flug geht am Nachmittag und er will einfach hier sitzen und darauf warten. Ich verabschiede mich. Weil ich nicht warten kann, weil ich keine Sätze dabei habe, die ich so sagen kann. „Have a safe trip home“ sagt er. Das trifft mich. Er soll mir die Fremdheit lassen, lässt er aber nicht, er soll mir den Abschied ersparen, tut er aber nicht. Gemeinsamkeit und Trennung. Der erste Zug des Spiels ist der Letzte, der Anfang des Zeichens ist sein Ende, weil es Eines ist und nur so kann es wirken. Ich bilde mir ein wir hätten einen Krieg gemeinsam überlebt, unser Blut sei ineinander geflossen, wir hätten eine Vision geteilt, wir wären gemeinsam in einen Orden aufgenommen worden, wir hätten eine uns für immer bindende Aufgabe erhalten, wir hätten etwas ganz Festes, Hartes, Unzerstörbares geteilt. Ein Stück Toffeekuchen wenigstens. Ich wolle mir noch das Denkmal des Ghetto-Aufstands ansehen, erzähle ich ihm, während ich den Reißverschluss meiner Reisetasche zuziehe.

    -„You are paying your German debts.“

    -„I am afraid I can’t pay them all at once.“

    -“Then you have to come back another time.”

    (c) Text and Image: Michael Brunner (2018)

  • Ins Herz der Präpotenz. Zur Alternativ-Kunstmesse „Parallel“ in Wien

    von Michael Brunner/

    Die Parallel musste in ihrem fünften Jahr das alte Post-und Telegrafenamt im Zentrum Wien’s verlassen, da dieses nun endlich der leistungswilligen Elite angemessene Eigentumswohnungen bieten wird. Die jugendfreudige Kunstmesse für Partypeople, Avantgardisten und solche, die dazu gehören wollen, fand aber sowieso eine viel bessere Location: die alte Sigmund-Freud-Universität in Wien-Erdberg. Mit Kunst besetzt wurde ein 10-stöckiger Bausatzplattenbau mit beklemmender Internatsatmosphäre, Tiefgarage für deepe Parties und grandiosen Ausblicken auf Autobahnkreuz, Hochhäuser und sausende Lichter. Lediglich die grün lackierten Einbauschränke im ganzen Gebäude sorgten offenbar bei einigen der eher White Cube-orientierten Galerien, die sich eingemietet hatten, für Unbehagen, so dass sie vielfach überstrichen wurden. Auch die katastrophale Lichtsituation und die niedrigen und oft knapp bemessenen Räume sind für professionelle Ansprüche natürlich ein Problem. Für das aufreizende Gefühl einer künstlerischen Eroberung des Leerstandes, für aufgekratztes mittendrin sein, hätte aber kein besserer Ort gefunden werden können. Die von Künstlerinnen individuell gestalteten Räume in den oberen Stockwerken sind das Highlight des Events. Die wenige Quadratmeter großen einstigen Wohnparzellen für Studierende mit ihrem Weitblick auf die suburbane Mondlandschaft sind schon für sich ein Bild der pubertären Melancholie und Einsamkeit. Dieser Rahmen wurde von vielen Installationen aufgegriffen. Mit oft einfachen Mitteln, kleinem Budget und in kurzer Zeit wurde eine Hand voll gelungener Lösungen gefunden. Ev Hettmer’s raumgroßes Schoko-Haus ist so ein netter Einfall. Das Motiv des kleinen Häuschens kommt nicht nur einmal vor. Es ist das offensichtliche Motiv der Veranstaltung. Zu erwähnen ist auch ein (von Anamarija Batista ) sensibel und kunstfachkundig eingerichteter Raum unter der Schirmherrschaft von Kulturkontakt Austria mit humorvollen und total wahren Arbeiten von Dariia Kuzmych, Alicja Rogalska, Julian Turner [übersehen Sie nicht „Italian Sliding Door“!], Anna Witt und Bassem Yousri. Unter dem Titel „Das Innere wartet draussen auf dich“ erzeugt der Raum ästhetische Akzeptanz durch ein unter die Oberfläche reichendes Zeitgefühl und nicht weil er narzisstisch danach brüllt.
    Die Galerie Bechter Kastowsky zeigt auf professionelle Weise Malereien von Aurelia Gratzer. Die sind handwerklich bestechend und nicht nur dadurch so großartig, dass sie aus einer ganzen Menge Präpotenz tatsächlich wie Perlen herausleuchten. Denn die Sensibilität für Raum, Architektur, Material und Zeit, die viele Teilnehmerinnen mit ihren Interventionen beweisen, die immer wieder vorhandene Qualität einzelner Objekte auch in den insgesamt eher lieblos gemachten Räumen ist im corporate-Teil der Ausstellung nirgendwo mehr zu sehen. Mit einer Art Falco-bezüglichem Dekadenzgehabe hat man zum Teil dumpfeste Signature-Ideen von oft eben noch nicht reifen (ein Unwort!) Künstlerinnen ( ad -innen: es riecht allerdings sehr nach Männlichkeit) zu prominent aufgeblasen und gleich noch für den Glamourfaktor Hermann Nitsch und Erwin Wurm dazwischen gepackt. Beide Räume der Stars sind deplaciert. Sie wirken wie Souvenirläden. Natürlich geht es offenbar um Merchandising: eine (fast durchgehend männliche) österreichische Kulturmarke präsentieren.
    Im Erdgeschoß hat der Maitre des Ganzen eine Ausstellung kuratiert, die man nicht so leicht wegstecken kann oder will. Der Raum war Schalt-und Rechenzentrum, ein Bass wummert, EDV-Möblierung mit Kunst dazwischen, ein roter Teppich (der auch Kunst ist). Zeichnungsgemälde von Franz Graf, farbige Holzschnittplatten von Hans Weigand, das Hipster-Wohnen illustrierende Gemälde von Alex Ruthner (bis hierher an sich tolle Arbeiten) und richtig faszinierende Kohlekringel auf roher Leinwand des Kunstsatirikers, Kapitalismusverstehers und Wellenreiters Christian Rosa. Dazwischen werden noch Antiquitäten mit Preisschildchen (1600€ für eine so genannte Mid-Century Lampe zum Beispiel) aufgestellt, die offenbar die Wohnkultur der Rennrad-fahrenden Werbefachleute in Wien Neubau nachempfinden sollen. Vielleicht wurde auch nur der Keller ausgeräumt. Die prägenden Gestalter*innen dieser Ausstellung glauben offenbar an nichts Anderes mehr (oder immer noch nichts Anderes) als die Dummheit des Kunstkaufpublikums, das schon alles früher oder später anerkennen wird, wenn man es nur mit dem Zeug nicht in Ruhe lässt und träumen sich dabei gleichzeitig in die eigene Jugend zurück,  in die frühen Neunziger. „Ach war das noch schön“, hört man ein Stöhnen, als noch echte Männer, und zwar vor allem Männer, Sperma, Blut und Achselschweiß die Kunst beherrschten. Eine Frechheit und eine Nostalgie ist diese Ausstellung. Dieser kapitalistische Nihilismus, fragt man sich, kann doch nicht ernsthaft noch immer eine Haltung sein. Aber man kann sich schon gut hineinfühlen in diese Notgeilheit. Das ist schon alles ein stimmiges Erlebnis und mit etwas Wohlwollen kann man es ja alles als Sarkasmus, vielleicht als Endzeit-Panorama, lesen.

    Wird jetzt eigentlich empfohlen hinzugehen? Unbedingt. Man soll es sich antun.

    /Von Michael Brunner/