• Praktische Lösung zur Sinnhaftigkeit des Lebens. Aus dem Maschinenraum #3



    Praktische Lösung zur Sinnhaftigkeit des Lebens

    „Ohne hinzusehen, den Blick leer zum Fenster gerichtet, worin sich sein Gesicht spiegelte, nahm er ein frisches dunkelblaues Schreibheft aus der obersten Schublade seiner Kommode.

    Zuerst verwendete er einen rot schreibenden Kugelschreiber, dann wechselte er zu Bleistiften unterschiedlicher Stärke, zu Tinten- und Buntstiften. Um die Spurenleser, Graphologinnen, Erbinnen und Notare zu verwirren, wenn das möglich war, die sich später einmal dieser Hefte annehmen würden, legte er abwechselnd ein Aluminiumblech, unebene Holzplatten, einen weichen Karton unter, schrieb mit links auf seinem Oberschenkel, bat verschwiegene Freunde um Hilfe und bemühte sich die Zacken seiner Handschrift in unterschiedliche Himmelsrichtungen ausschlagen zu lassen.

    Wenn er an jedem Tag zehn Einträge in einem Tagebuch fälschen würde, würde jeder neue Tag ihm zehn vergangene einbringen, binnen weniger Jahre wäre er in seine Kindheit zurück gelangt. Er würde sein Leben von diesem Moment an von hinten aufrollen. Mit der vom Ursprung wegfließenden Zeit in die Vergangenheit zurücktreiben. Seine Vergangenheit, jugendlich aus seinem Kopf geboren, würde der schwerelos schwebenden Gegenwart unvermeidlich ein Gewicht verleihen. Und für die Zukunft, Himmel sei Dank, war auch ein Zweck gefunden.

    Er begann zu schreiben:

    17. August: Auch erfundene Tage sind nicht immer gut.“

    Text, Image: M.Brunner, 2020.

    Aus dem Maschinenraum #2

  • „Lebendiges Wissen wird in Echtzeit abgesaugt.“ Antonio Negri’s Vorschläge für eine „neue Europäische Union“

    Von Michael Brunner/

    Der italienische Philosoph Antonio Negri, bedeutender Vertreter des so genannten „Operaismo“, war am 04. Juni 2018 in Wien zu hören. Als erster Redner der von der Akademie der Bildenden Künste neu eingerichteten Serie von Otto-Wagner-Lectures (2019 folgte Vandana Shiva: Soil not Oil | The transfer from the age of fossil fuel for the awareness of a living Earth), präsentierte Negri seinen Vortrag unter dem Titel „A subject for europe.“ Da ich mir zwei Jahre nach diesem Auftritt mit Fragen nach den Folgen des Anthropozäns für Grundbegriffe der politischen Philosophie, wie Freiheit und Gerechtigkeit, den Kopf zerbreche, blätterte ich jetzt wieder durch meine Notizen. Das Anthropozän beschreibt nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Krise. Bruno Latour spricht von der Notwendigkeit eines „geo-social class struggle“. Auch die Pandemie weist uns wieder einmal darauf hin, dass die drängenden Probleme nur global und kooperativ gelöst werden können. Aus diesem Grund möchte ich Negris neomarxistische Interpretation der im Kontext der Globalisierung wirkenden Kräfte an dieser Stelle teilen.
    (Vielleicht auch als Geburstagsgruß? Am ersten August wurde Negri 87 Jahre alt.)

    Negri ist zusammen mit Michael Hardt Autor der Bücher Empire (2001), Multitude (2006) und Common Wealth (2009). Ab den 1960er Jahren war Antonio Negri als deren politischer Theoretiker maßgeblich in der italienischen Arbeiterbewegung engagiert. Zuletzt veröffentlichten Negri und Hardt das Buch Assembly (2017), in dem sie unter anderem auch um eine Beseitigung geläufiger Anachronismen rund um den Begriff der Arbeit bemüht sind. In Wien destilliert Negri aus den Werken der vergangenen Jahre seine Perspektive für eine „neue europäische Union.“  

    In seiner in Wien gehaltenen Vorlesung ging es Antonio Negri, dem Rahmen der Otto Wagner Lectures zum Trotz, nur wenig um Architektur, es sei denn er gebrauchte sie als Metapher in seinen zentralen Ausführungen über die „Architektur der Europäischen Union“.  Tatsächlich war sein Text ein rhetorisch aufwendiger Aufruf zum gemeinschaftlichen Handeln. Statt Objekt einer zentralisierten Herrschaft zu sein, solle Europa als eine Gemeinschaft, als ein handelndes Subjekt, als eine Kommune, wiederaufgebaut werden. Negri versucht sich in seinem Vortrag, wie in seinen neueren Büchern, an einer radikalen Neuausrichtung des kritischen, (neo)-marxistischen Kompass an den Produktions-und Arbeitsbedingungen der Gegenwart. Anschaulich wurde dabei mehr als in seinen Büchern die eigentümliche Verbindung, die Negri methodisch zwischen einem aufklärerischem Aufruf zur Selbstermächtigung der Vielen einerseits und den Begriffen und Analyseinstrumenten der marxistischen Linken andererseits herstellt. Er nimmt dabei die aus seiner Sicht richtigen Grundintuitionen des politischen Liberalismus auf, der als politischer Grundkonsens  im großen und ganzen die westlichen Demokratien prägt. Dazu gehören etwa der Wert der Freiheit von Personen und Gütern und die Garantie der Menschenrechte. Diese unverhandelbaren Grundintuitionen ergänzt er aber um eine jeweils spezifische Interpretation, die sie letztlich als Legitimation von Ungleichheit untauglich machen sollten.
    Insbesondere nimmt er im Verlauf seines Wiener Vortrages konkrete Anpassungen an den so wesentlichen politischen Begriffen der Freiheit, der Macht und der Arbeit vor.

    Physische Freiheit

    Mit den kursierenden Freiheitsvorstellungen ist Negri unzufrieden. Unspezifische Freiheit ist als ethisches und politisches Gut zwischen den unterschiedlichsten politischen Ideologien und Theorien offener Gesellschaften unstrittig. Der italienische Philosoph wird in Bezug auf diese Freiheit jedoch schnell spezifisch. Eine der zentralen Kontroversen in Bezug auf eine kausal vollständig globalisierte Welt ist die Frage nach der globalen Freiheit oder Freizügigkeit. Dabei geht es, aus Negris Sicht, jedoch um ein noch allgemeineres Problem als das, ob Menschen von den benachteiligten Zonen der Welt in die prosperierenden migrieren dürfen.
    Freiheit sollte nicht nur in unseren konkretesten Vorstellungen davon, sondern auch in ihrer philosophischen und politischen Bedeutung grundsätzlich auch als physische Freiheit verstanden werden. Wenigstens sollte Freiheit, als Menschenrecht interpretiert, die Möglichkeit über seinen Körper frei zu bestimmen als zentralen Aspekt einschließen. Die große Beachtung, die eher abstrakte Freiheitsvorstellungen in der politischen Theorie erhalten hätten, hätten die physische Grundbedingung der Freiheit in den Hintergrund gerückt.

    Arbeit: „Lebendiges Wissen wird in Echtzeit abgesaugt.“

    Der zweite politische Begriff, der aus der Sicht Negris heute nicht mehr richtig verstanden werde, sei „Arbeit“. Hier sei es insbesondere die politische Theorie der Linken, in der „Arbeit“ mit vielen Anachronismen behaftet sei.
    Der letzte große Arbeitskampf, in dem die traditionelle Gleichung Welfare + Industrielohn verhandelt worden sei, habe, so Negri, 1995 , also vor einem Vierteljahrhundert, stattgefunden.* An dessen Stelle sei heute die Biopolitik getreten. Die heutigen Konflikte fänden auf dem Terrain der Produktion und Verwertung des Lebens statt. Arbeit habe sich heute von einer mechanischen, körperlichen, physische Ressourcen aufbrauchenden Arbeit in eine kognitive und kommunikative Arbeit verwandelt. Negri betont mehrfach, dass diese Verwandlung des Charakters der Arbeit sehr positiv zu bewerten sei. Da Negri Freiheit materiell, das heißt im konkreten Fall der Freiheit eines Menschen physisch versteht, bietet diese Entwicklung das Potential zu mehr Freiheit. Allerdings, das ist die Kehrseite, sei dadurch die Kongruenz von Kapital und Arbeitskraft größer geworden. Während die mechanische Arbeit ein „Außen“ habe, für und mit dessen Hilfe der Arbeitskampf kämpft, gebe es für die neue Form der Arbeit, für die gegenwärtige Herrschaft des Kapitals, kein „Außen“ mehr. Die neuen Arbeitsformen erfordern und ermöglichen Kommunikation, Subjektivität und Singularität. Sie umgreifen und verwerten dadurch aber auch jene Aspekte des Lebens, die früher (so wenig Raum es dafür im Einzelnen gegeben haben mag) außerhalb der Arbeit und außerhalb der privaten oder staatlichen Wertschöpfung angesiedelt waren, da sie Güter wie die Natur oder Ideen betrafen, die allen gemeinsam gehörten. Da die neuen Produktionsformen durch das Mittel der kreativen und kommunikativen Arbeit die Natur und das Wissen „privatisierten“, seien sie Teil einer Tendenz zur Totalität der kapitalistischen Wertschöpfung. Das Kapital lebe nicht mehr nur von der physischen Arbeitskraft, sondern schöpfe die Subjektivität der Arbeitenden, ihr Erleben der Welt, ihr Wissen, ihre Kommunikation und ihre Ideen und damit ihr individuell Privates in produktiver Weise ab. Das Private ist nicht mehr nur im Sinne des berüchtigten Slogans der 68er politisch, es ist – anschaulich in den sozialen Medien – Rohstoff und Produkt der Wertschöpfung.  Die privaten Kommunikationsmedien, die unser gegenwärtiges Leben augenscheinlich so stark bestimmen, sind also keinesfalls privat in dem Sinne, dass sie uns gehörten. Sie sind „privat“ in dem Sinne, dass sie einem privatwirtschaftlichen Unternehmen als Ressource dienen. Sie sind eine Manifestation der als Produktivität abgeschöpften Subjektivität, die dadurch natürlich aufhört Subjektivität zu sein.

    Laut Negri hänge die heutige Situation der globalen Bevölkerung als ganzer offenkundig von geopolitischen Fragen ab. Als ein Materialist der Freiheit, der auch ein Materialist des Raumes sein muss, betrachtet er politische Dynamik auch als eine Art tektonischer Bewegung und Politik als Erd-Klima und Bioressourcenforschung.  So dient ihm der gegenwärtige Zustand der europäischen Union als Anwendungsbeispiel für seine Strategie, disziplinarisch wirkende Machtkonzentrationen aufzubrechen und den historisch dominanten Konzepten des privaten und öffentlichen Eigentums das Konzept der Multitude als gemeinschaftliches Subjekt entgegenzustellen. Das materialistisch-humanistische Update der Begriffe „Freiheit“ und „Arbeit“ bieten dafür die Grundlagen.

    Die europäische Union und die Nationalstaaten: Negri’s politische Problembeschreibung

    Für Negri lebten die heutigen westlichen Demokratien „in der Agonie des kalten Krieges weiter.“ Negris US-Amerikakritik erregt den Verdacht Standardrepertoire linker Makropolitik abzuspulen. Allerdings kritisiert er nicht die USA direkt, sondern den Fokus den Europa auf die transatlantischen Beziehungen lege. Europa definiere sich gerade zu über diese Beziehungen. Stattdessen müsse das politische Europa im Gleichgewicht zwischen Europa und Asien neu entstehen.
    Auch innerhalb der europäischen Union herrsche kein Gleichgewicht, sondern ein  Zentrum disziplinarisch über seine Peripherie. Brüssel als Zentrum, das seine geographische und politische Peripherie regiere, illustriere als geographische Mitte die Machtverteilung innerhalb der Europäischen Union. Brüssel habe sich fast vollständig von Südeuropa gelöst. Demokratische Konfrontation sei innerhalb und zwischen den Staaten Europas fast vollständig abgeschafft und durch disziplinarische Maßnahmen ersetzt worden. Womöglich zeichnen sich innerhalb dieses disziplinarischen Zentrums der EU gegenwärtig neue, zusätzliche Konfrontationslinien ab: etwa zwischen den „Sparern“ plus Visegrad-Staaten, die lediglich daran interessiert scheinen, maximal zu profitieren und denjenigen, die bereit sind europäische Integration teurer zu erkaufen.
    Negri fordert die Wiedererrichtung der europäische Union unter einer völlig neuen Idee und mit neuen Mitteln. Die europäische Union, wie wir sie heute kennen, betrachtet er als gescheitert. Gescheitert sei sie vor allem aufgrund der Methode, mit Hilfe derer man die  Union als „Friedensapparat“ etablieren wollte. Die Vorstellung von der Zollunion zur Kulturunion gelangen zu können, sei eine Illusion und im Ansatz falsch gewesen. „Man hat es vorgezogen eine Macht zu schaffen, anstatt eine Gemeinschaft zu schaffen“, kritisiert er.
    Wie sehr die europäische Union als ein Macht-Agent handle, zeige sich etwa in der Art und Weise, in der der „griechische Frühling“ beendet worden sei. Dies sei keineswegs die Niederschlagung einer Revolution gewesen, also ein außerordentlicher Moment der Selbstverteidigung eines Systems, sondern ein normaler Verwaltungsakt innerhalb der EU. Hätte die Regierung des griechischen Premierministers Tsipras Widerstand geleistet, so Negri, hätte dies nur in eine noch größere Katastrophe geführt. Dies beweise die Selbststabilisierungsmechanismen der EU, deren disziplinarische Mechanismen keinen Verteidigungsfall, sondern den Normalfall innerhalb des bestehenden Systems darstellten.
    Eine vergleichbare disziplinarische Rhetorik findet sich, meiner Meinung nach, auch in der europäischen Reaktion auf die grassierende Pandemie. Auch wenn das Sanktionsprinzip mittlerweile Konkurrenz durch die Allgegenwart der Forderung nach „Solidarität“ bekommen hat.

    Diese Herrschaftsstrukturen, so Negri,  müssten als ganze verändert werden, um eine Alternative zuzulassen. Für Griechenland habe es kein ‚Außen‘ gegeben, mit dessen Hilfe es hätte kämpfen können. So wenig wie es für die postmoderne Arbeiterschaft ein solidarisches „Außen“ gebe.

    Was die Problembeschreibung betrifft, eröffnen sich in Negri’s Kritik an der EU heikle Momente der Übereinstimmung zwischen Links und Rechts. Der neue Nationalismus lehnt wie Negri und ein nicht unwesentlicher Teil der Linken die heutige EU ab. Doch die Unterschiede überwiegen. So lehnen Nationalisten nicht die disziplinarische Herrschaft als solcher ab, sondern wollen lediglich die disziplinarische Konkurrenz von Brüssel und den Nationalstaaten zugunsten letzterer entscheiden. Der Nationalismus agiert gegenüber der EU nicht anders als ein Nationalstaat gegenüber einem anderen. Darüber hinaus wendet sich Negri, anders als die Nationalisten, nicht gegen die Idee Europas und die Notwendigkeit seiner kommunalen Einheit. Die historischen Erblasten, wie der Kolonialismus und die Weltkriege, die auf dem Begriff „Europa“ liegen, wiegen aus seiner Sicht nicht schwerer als die Momente der geographischen und geopolitischen, klimatischen, ethnischen Einheit sowie der Einheit der Quellen der gelebten Kulturen, die eine europäische Gemeinschaft stiften sollten. Die problematische Gegenwart und Vergangenheit fordere allerdings, dass Europa „auf der Basis des Bruchs“ wieder aufgebaut werde.

    Die Vielen und die Macht: Gibt es die Möglichkeit zur Veränderung?

    Wenn es um die Frage der möglichen Veränderung geht, scheut Negri phasenweise vor politischem Pathos nicht zurück. Gibt es eine Chance eine solche grundsätzliche Veränderung herbeizuführen?
    Ja, durch eine Kritik der Macht. Aber was ist Macht?
    Macht als elementaren Begriff einer Soziologie lehnt er ab. Sie ist für Negri ein Wesen mit verschiedenen konkreten Eigenschaften. Sie bestimmt eine Herrschaftsstruktur. Sie ist begrifflich nicht elementar. Sie ist keine methodische Voraussetzung seiner Analyse, insbesondere ist sie nicht soziale Kausalität. Es gibt etwas anderes gegenüber der Macht. Es gibt Kooperation und Gemeinschaft und diese können nicht einfach als Macht anderer Form oder als aufgeteilte Macht verstanden werden. Außerdem sei keine Macht total, weder historisch noch theoretisch. „Die Macht ist kein Leviathan“, wiederholt er mehrfach. Einen Rest Widerstand gebe es im schwärzesten Totalitarismus, in den Konzentrationslagern, in den Gulags, in der Ausbeutung von Arbeiter*innen und Sklaven. Ihre bloße Existenz sei Widerstand. Die Tatsache, dass der Widerstand existentiell nie aufgehoben werden könne, sei nicht bloß ein Trost gegenüber pessimistischen Philosophien. Als Keimzelle des Widerstands rechtfertige sie den Handlungsoptimismus. Dieser Keim des Widerstands zeige sich auch darin, dass eben auch das Absaugen der Subjektivität durch das Kapital niemals vollständig geschehe. Es bleibe immer ein Rest.

    Diese Idee einer notwendigen Dialektik zwischen Macht und Widerstand dient Negri als Mittel Veränderung zu motivieren. Er fordert, nicht bloß in Bezug auf die EU, eine „Transformation“ der Macht. Die durch die Macht geschaffenen Strukturen müssten verändert und nicht bloß Machtpositionen neu besetzt werden. Die Idee, dass man den Staat als Machthebel für eine positive Veränderung benutzen könne, wie dies prominente Sozialreformer wie Jean Ziegler oder die Soziologin Chantal Mouffe fordern, sei falsch. Die Idee des Linkspopulismus, der vorgebe die vorhandenen Herrschaftsstrukturen zugunsten der postmodernen Arbeiterschaft einnehmen zu können, lehnt Negri aus diesem Grund ab. Man könne in einer Welt, in der es kein Außen mehr gebe, nicht auf diese Weise „Inseln der Neutralität“ errichten. Die Gemeinschaft müsse als Gemeinschaft zu ihrem eigenen Wohl handeln. Aus dem immer vorhandenen Widerstand müsse eine „pragmatische Gegenkraft“ mobilisiert werden. Diese Gegenkräfte müssten konkret zu einer vollständigen Ablehnung der Institutionalisierung von Schulden, zur absoluten Ablehnung des Krieges, zum Kampf gegen Ghettoisierung, sowie gegen internen und externen Kolonialismus eingesetzt werden. Geschaffen werden müsste eine „globale Republik“ gegen die „imperiale Monarchie“. Der Liberalismus als maßgebliche politische Ideologie des Westens hingegen lehne jede Art von institutionalisiertem Wohlstand für die Armen, aber immer mehr arbeitenden Menschen ab.

    Gesellschaftlicher Umbruch als Vernunftakt?

    Negris Argumente erlauben es, sich die Umrisse seiner Utopie auszumalen. Seine optimistische Ausstrahlung macht schließlich die Attraktivität von Negris Schriften, Reden und Vorschlägen aus und kennzeichnet ihn als einen zwar radikalen Theoretiker, aber versöhnlichen Marxisten, der auch in der Sprache seine pazifistische Gesinnung ernst nimmt. Sein Klassenkampf ist kein Kampf im eigentlichen Sinne, der Sieger und Besiegte generiert. Man stellt sich die Umstrukturierung, die zur Verwirklichung seiner demokratischen Utopie notwendig wäre, weniger wie eine Revolution, sondern eher wie einen kollektiven Akt der Übereinkunft, und damit als einen Akt der Vernunft vor. Die sprachliche entschärfte Form, in die er seinen Aufruf zur Systemveränderung kleidet,  spiegelt die Verschmelzung von liberal-rationalistisch-humanistischen Idealen und eines marxistischen Materialismus in seinen Analysen wieder.

    Die in ihrer Anwendung auf Fragen der globalen Migration heute unter Linken nicht immer unumstrittene ehemals linke Kernbotschaft der internationalen Solidarität wird von Negri in eine postnationalistische Sprache übersetzt und erhält eine politische, philosophische und ethische Dringlichkeit, die über die „Brüder im Kampf“-Vorstellung vergangener Zeiten hinausgeht. Der Aufbau auf Basis des Bruches könne nur erfolgen, indem man für die „materiell relevanten Themen“ kämpfe, für die „physische Freiheit“ aller und nicht zuletzt auch für die „Durchmischung der Kulturen“.  Sicherlich gut gemeint ist diese Forderung. Dennoch bleibt die Terminologie irritierend. Dort wo allzu buchstäblich von Durchmischung die Rede ist, ist die Gefahr groß, dass eine gefährliche Sehnsucht nach Differenz in bloß sublimierter Form noch immer lauert.

    Tatsächlich geht es dem „Operaisten“ Negri offenbar nicht um „Toleranz“, „Nebeneinander“ oder „Integration“. Er greift die kulturalistische Begrifflichkeit auf und verlangt gleichzeitig ihre Auflösung. Seine Forderung nach einer Durchmischung der Kulturen ist natürlich in erster Linie als Provokation gegen diejenigen Unverbesserlichen zu verstehen, die etwas gegen diese „Durchmischung“ haben. Und in zweiter Linie als Polemik gegen einen liberalen Kompromiss der bloßen gegenseitigen Duldung. Es geht ihm letztlich um eine Kritik am Fetisch der Identität von Kultur und Kommune. Wir brauchen keine Gemeinschaft, in der wir als abstrakte Staatsbürger*innen aller unserer biographischen Eigenschaften entkleidet sind, während wir im Privaten unsere Unterschiede praktizieren dürfen. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in die alle unterschiedlichen Erfahrungen und Geschichten einbezogen werden können, und in der wir alle mit unseren jeweiligen Unterschieden vollen Wert entfalten dürfen. Hier zeigt sich wieder die humanistische Wurzel von Negris Vernunftmaterialismus: Gemeinschaft und kommunales Handeln seien nicht von einer gemeinsamen Identität abhängig, sondern universell. Erst durch die Unabhängigkeit der Kommune von einer äußerlich bestimmten Identität können letztlich alle Hürden für eine europäische oder globale Gemeinschaft beseitigt werden. Erst dadurch sei es möglich die Verantwortung für alle in die Hände aller zu legen.

    *Gemeint ist wohl: November-Dezember 1995, Generalstreik durch die Gewerkschaftsverbände CGT, FO, CFDT gegen die Reformpläne der neu gewählten Regierung Juppé/Chirac.

    Bemerkung des Autors:

    Antonio Negri trug seinen Text und die Antworten auf die anschließenden Fragen ohne visuelle Unterstützung in italienischer Sprache vor. Die hier zusammengefassten Ideen und Zitate wurden auf Basis der Live-Simultanübersetzung des mündlichen Vortrags transkribiert. 

    M. Brunner (2019)

    Image: Antonio Negri und Michael Hardt
    (c) Campus Verlag (2019)

  • Prohibido el paso – An exhibition of Esvín Lam

    by Michael Brunner/

    Esvin Alarcón Lam, born in 1988 in Ciudad de Guatemala, dedicates his latest hometown show to an examination of the paradoxes of style politics that can be observed in the Central American metropolis. The effects of often unarticulated aesthetico-political tensions in Guatemala generally leaves foreign (and often native) observers speechless. All the more valuable is the experience of this exhibition, which is coded by a language of contemporary art that we can hardly describe yet, although we „speak“ it fluently. Such a language was established by a travelling audience and seems to be globally readable today.

    The work of Alarcón Lam, who thus belongs to the internationally networked stratum of art, usually consists of two phases. Firstly, the search for and collection of elements of urban design and architecture, and secondly, their artistic transformation. From this artistic digestion of the raw and often corroded fragments of urbanity emerge sculptural installations that superficially and intentionally recall the style of modernist abstraction and emphasize the inherent symbolic qualities of the material.
    For the exhibition at La ERRE, one of La Capital’s most important non-commercial art spaces, Alarcón Lam brought with him cut-out ornamental parts of fences, balcony balustrades or window grilles and arranged them seemingly playfully or contingent. In addition to the arrangement of these grids and wrought iron parts on white vertical surfaces, Lam presents a series of seven nearly identical steel sculptures painted dark-blue, white, and light-blue. Each standing independently on two „feet“, they assemble in two interlocking rows in the middle of the old factory hall like a road block or a troop of guards forming a chain. A floor painting of coloured lines, including a telling white-blue double line („la bandera blanco-azul“), completes the picture.


    On the one hand, the sculptures draw attention to the architectural, sculptural and in general stylistic symptoms of the extreme differences between the social strata in Guatemala, which manifest themselves as an urban space in which all kinds of space-political means of separation stand out. Houses, terraces, balconies, and gardens of the growing middle class and the rich upper class of the Central American metropolis not only have fences and parapets, but are often secured with cameras, several layers of barbed wire, or by privately hired armed guards. In addition, however, the objects refer to an aspect that is closely related to the notoriously modern question of style. The cut-outs of the traditionally elaborately forged fences and balconies refer to what the Ecuadorian-mexican philosopher Bolívar Echeverría called the baroque mode of modernity (and vice versa the modernity of the baroque), namely the anti-colonial impulse subversively expressed by the Latin American ‘colonial’ baroque style itself, and accordingly also by Latin American modernism and its baroque strategy of stylistic mestizaje.


    The seven sculptures complement the subtext given by the iron-snippets. They represent the outline of balcony parapets and of patterns of floor tiles of the Teatro Nacional in Guatemala also named Centro Cultural Miguel Angel Asturias after the country’s famous winner of the nobel prize in literature. The building (1973) by the artist-engineer Efraín Recinos is now the epitome of the country’s seemingly paradoxical attempt to simultaneously strive for modernity and tradition.The context of asking questions about the buildings stylistic homogeneity or originality reveals the aspirations and failures of modernity, which in many regions of Latin America played an important role in the process of nationalist-driven cultural decolonization. In the case of Guatemala, this nationalist-motivated decolonial development failed in many ways to dissolve internal social, ethnic and cultural tensions. The exhibition thus lays open how paradoxically moments of inclusion and exclusion are adjacent in the baroque of fences and walls, how cosmopolitan and anti-colonial elements are paradoxically contiguous to nationalist self-branding within the baroque mode of modernity.

    These complex relationships between social conditions and style become visible through a simple but brilliant artistic work on the material that has been made to speak of its own history and aesthetico-political impact.

    The show was at the Centro Cultural La Erre, Ciudad de Guatemala, until 03/2019.

    © [Images] Esvín Alarcón Lam 2019. Courtesy of Centro Cultural La Erre & Henrique Faria New York & Buenos Aires.

    ©[Text] Michael Brunner 2019

  • Mutig, mutig. Aus dem Maschinenraum #2

    „Obwohl er sich sehr wohl fühlte in seinem kleinen Haus an der Landstraße mit seinem kleinen Garten, den er mit allerlei Blumen bepflanzt hatte, einem Kirsch-und einem Apfelbaum, einer Terrasse mit Grill und einem Gemüsegarten, in dem die Hühner umherliefen, fasste er eines Tages plötzlich, so dass er beinahe von sich selbst überrascht war, den Entschluss, den Kirschbaum und den Apfelbaum, die Hühner und sein kleines Häuschen im Stich zu lassen, und sich mit dem Rucksack marschierend auf die Landstraße zu werfen, an der er so lange gelebt hatte und deren Windungen er seit seiner Kindheit mit den Augen bis zum Horizont gefolgt war.“

  • Bertran (Warschau). Aus dem Maschinenraum #1

    von Michael Brunner/

    Bertran ist auf dem Nachhauseweg von wer-weiß-wo einkaufen gewesen. Er sieht mich nicht, sieht nichts, taxiert nicht den Raum. Jetzt setzt er sich zu mir an den aus Sperrholz gezimmerten Tisch. Er packt zwei unglaubliche Tortenstücke aus einer hochglanzbedruckten Konditorenschachtel aus. Dann isst er aber erst mal ein nahrhaft aussehendes mit Käse und Speck überbackenes Brötchen, das er noch zusätzlich üppig mit Salami und Weichkäse belegt. Sein Blick hellt sich auf. Er kommt ein bisschen im Diesseits an. Bertran ist ein großer Kerl. Er sieht gut aus. Er hat glänzende, nachlässig oder vor allem lässig nach hinten gekämmte schwarze Haare. Harte, kantige Optik, offener Blick, schüchterner Schritt. Ich bin da anders. Ich bin klein, aber ich trample und stampfe und halte mich aufrecht. Das sind wir zwei.

    Wir sitzen am morgen im Frühstücksraum des Hostels, in dem wir beide übernachten. Man darf sich dort selbst sein Frühstück zubereiten oder eines kaufen. Der Kühlschrank hat während der Nacht, als ich dort auf den Morgen gewartet habe, mit seinem ärgerlichen Dröhnen und seinem vollgefressen glucksenden Bauch wie ein bedrohlicher Geist da gestanden. Jetzt wird er aber von allen akzeptiert und öffnet seine Tür. Gelegentlich kommen und gehen Leute. Sie setzen Kaffeewasser auf und laufen schnell die Treppe hinunter zum Supermarkt im Erdgeschoss. Wenn die Filterkaffeemaschine brodelt, kehren sie mit vollen Brötchentüten zurück. Sie holen Käsescheiben in Plastikschalen aus dem Kühlschrank und Honigtöpfe aus den Regalen.

    Eine in Karamell gehüllte Walnuss liegt auf der Cremetorte, die Bertran jetzt in Angriff nimmt, halb eingesunken in der Buttercreme. Bertran schlingt das halbe Tortenstück mit einem Bissen hinunter, man hört die Karamellnuss irgendwo in seinen aufgeblähten Backen knacken und man stellt sich vor wie die süßen Splitter und der Speichel und die Creme vermischt durch die große Lücke zwischen seinen Schneidezähnen quellen. Er riecht nach Zigarettenrauch. Seine Lider sind schwer. Sein Körper, der ist jetzt gelockert und seine ellenlangen Glieder haben in der Nacht, im Club, eine sinnvolle Ausrichtung bekommen. Im Oktober war er in Prag, jetzt Warschau, als nächstes Berlin. Überall trinken, , tanzen, ephemeren Sex. Dann wieder zurück. Billigflug. Billighostel. Im Hemd schlafen. Lohnt sich gar nicht auszuziehen. Er trägt seit vier Tagen, seit ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, dasselbe weiße Hemd. Es hat einen ziemlich großen, braunroten Blutfleck an seinem rechten Ärmel, so dass man es gut identifizieren kann. Am Abend duschen, das Hemd lüften, dann das Hemd wieder anziehen, After shave. Jetzt ordentlich futtern. Ein netter Kerl. „Get a fork“, sagt Bertran, „we share that cake. It’s called Toffee-cake. It is to big for one.” Ich stehe auf und hole eine Gabel aus einer der Schubladen und nehme eine Tasse für Bertran von einem Regal oberhalb der Spüle, damit ich ihm Kaffee anbieten kann.

    „Our american friend has already left“, sagt er. Er meint John, den beleibten floridianischen Backpacker, mit dem ich am Abend vorher einige Worte gewechselt habe, als Bertran und er sich mit dem drogenverseuchten Typen aus Mexiko für die Nacht eingesoffen haben. Offen gesagt habe ich auch mit Betran erst ein, zwei Sätze ausgetauscht, sonst nur alberne heruntergekühlte Blicke gewechselt. Aber an diesem morgen, also kurz vor Montag, wenn er in Uppsala wieder seinen Job als IT-Sklave in der unteren Ebene eines Internet-Startups antreten muss, reden wir wie alte Freunde. Er spricht über Berlin, sein nächstes Ziel.  Er war noch nie dort. Man könne dort ganz billig hinfliegen von Uppsala aus. Von Uppsala aus gehe alles günstig, aber dort sein sei ziemlich teuer, meint er. „Alkohol?“, frage ich. „Ja genau“, aber aus Alkohol mache er sich eigentlich nicht so viel. Clubbing ist sein Ding. Tanzen, Leute kennen lernen. Er fragt mich nach Berlin und ich behaupte, dass man in Berlin gut „clubbing“ machen könne, und auch wie und wo, so weit ich eben davon gehört habe. Ich merke, dass ich einfach seine Vorstellungen aussprechen will, weil das der leichteste Weg ist, weil Kommunikation so eine elend schwere Aufgabe ist. Es drängt mich dazu es leicht zu machen.

    Für eine Weile wird es still. Wie sieht jemand aus, der gerade nichts denkt? So wie Bertran beim Kuchen essen. Dieser Mann ist gerade nicht im Denkmodus, sondern eher im Übergang. Vielleicht beim Tanzen im Denkmodus. Und sonst immer nur im Übergang. Jetzt jedenfalls. Zwischen Warschau und Uppsala. Zwischen Arbeit und Abseits, zwischen Tag und Nacht, zwischen Notwendigkeit und Entfaltung. Aber immer einsam, nur meistens ohne Gefühl, ohne Trauer darüber. Jetzt aber findet er sich plötzlich dabei wieder warten zu müssen. Niemand zur Hand als dieser Typ da, ich, dem man jetzt ein bisschen Gemeinsamkeit abquetschen muss, um alles erträglich zu machen. Gerade ist da sonst nur ein Loch.

    Er nimmt ein riesiges Stück von der Toffeetorte und steckt es sich in den Mund. Er sagt irgendetwas über den Kuchen. Ich breche mit meiner Gabel durch die steinharte Schokoladenschicht und das zähklebrige Toffee und die Buttercreme und dazwischen die hauchdünnen Schichten von Biskuit und koste ein ansehnliches Stück. Ich sage ebenfalls etwas, krass oder lecker oder dergleichen. Das ist ja wohl ein Ritual, das Ganze. Ein künstliches Etwas, ein nicht-Geborenes, ein von uns gewolltes Ding. Bertran nimmt noch ein Stück und dann wieder ich. Ich fühle die Nähe im Entfernten. Teilen. Teilbares finden. Schönheit. Wir arbeiten an einem Symbol der gemeinsamen Existenz, Bertran und ich. Ich habe mein Schneckenhaus zu Hause, ich bin hier fremd. Er trägt es mit sich. Bertran hat sein Schneckenhaus in ein paar Sätzen, in der ständigen Bereitschaft zu ein paar Sätzen, die er zu Fremden sagen kann. Er sagt noch ein paar Sätze darüber wie lustig und versoffen der Floridianer sei. Nachdem er wieder ein richtig großes Stück Toffeekuchen runterschluckt, blickt er mich erwartungsvoll an. Der Kuchen muss weg, soll das heißen.

    -„I take one more piece, then I am done with it.”

    -“John would have liked this cake so much. He would have loved it“, sagt er und ich spüre die abgrundtiefe Trauer, ich höre das Schluchzen im Text. Bertran erzählt noch ein, zwei Dinge über John. John mag Deutschland, weil er Bier mag. John ist lustig. John war, als ich ihn gestern gesehen habe, jedenfalls saubesoffen, soviel kann ich sagen. Er und der Mexikaner haben die ganze Nacht wie Hunde gejault. Bertran verwendet Snapchat. Er hat die Kuchengabel in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, er zeigt mir Bilder von letzter Nacht, die er an die Anderen verschickt und ich sage, dass er wohl viel jünger sein müsse als ich, weil das an mir noch vorbeigegangen sei. „I am twenty seven“ , sagt er, „I am probably to old to use it.“

    Sein Flug geht am Nachmittag und er will einfach hier sitzen und darauf warten. Ich verabschiede mich. Weil ich nicht warten kann, weil ich keine Sätze dabei habe, die ich so sagen kann. „Have a safe trip home“ sagt er. Das trifft mich. Er soll mir die Fremdheit lassen, lässt er aber nicht, er soll mir den Abschied ersparen, tut er aber nicht. Gemeinsamkeit und Trennung. Der erste Zug des Spiels ist der Letzte, der Anfang des Zeichens ist sein Ende, weil es Eines ist und nur so kann es wirken. Ich bilde mir ein wir hätten einen Krieg gemeinsam überlebt, unser Blut sei ineinander geflossen, wir hätten eine Vision geteilt, wir wären gemeinsam in einen Orden aufgenommen worden, wir hätten eine uns für immer bindende Aufgabe erhalten, wir hätten etwas ganz Festes, Hartes, Unzerstörbares geteilt. Ein Stück Toffeekuchen wenigstens. Ich wolle mir noch das Denkmal des Ghetto-Aufstands ansehen, erzähle ich ihm, während ich den Reißverschluss meiner Reisetasche zuziehe.

    -„You are paying your German debts.“

    -„I am afraid I can’t pay them all at once.“

    -“Then you have to come back another time.”

    (c) Text and Image: Michael Brunner (2018)

  • Ins Herz der Präpotenz. Zur Alternativ-Kunstmesse „Parallel“ in Wien

    von Michael Brunner/

    Die Parallel musste in ihrem fünften Jahr das alte Post-und Telegrafenamt im Zentrum Wien’s verlassen, da dieses nun endlich der leistungswilligen Elite angemessene Eigentumswohnungen bieten wird. Die jugendfreudige Kunstmesse für Partypeople, Avantgardisten und solche, die dazu gehören wollen, fand aber sowieso eine viel bessere Location: die alte Sigmund-Freud-Universität in Wien-Erdberg. Mit Kunst besetzt wurde ein 10-stöckiger Bausatzplattenbau mit beklemmender Internatsatmosphäre, Tiefgarage für deepe Parties und grandiosen Ausblicken auf Autobahnkreuz, Hochhäuser und sausende Lichter. Lediglich die grün lackierten Einbauschränke im ganzen Gebäude sorgten offenbar bei einigen der eher White Cube-orientierten Galerien, die sich eingemietet hatten, für Unbehagen, so dass sie vielfach überstrichen wurden. Auch die katastrophale Lichtsituation und die niedrigen und oft knapp bemessenen Räume sind für professionelle Ansprüche natürlich ein Problem. Für das aufreizende Gefühl einer künstlerischen Eroberung des Leerstandes, für aufgekratztes mittendrin sein, hätte aber kein besserer Ort gefunden werden können. Die von Künstlerinnen individuell gestalteten Räume in den oberen Stockwerken sind das Highlight des Events. Die wenige Quadratmeter großen einstigen Wohnparzellen für Studierende mit ihrem Weitblick auf die suburbane Mondlandschaft sind schon für sich ein Bild der pubertären Melancholie und Einsamkeit. Dieser Rahmen wurde von vielen Installationen aufgegriffen. Mit oft einfachen Mitteln, kleinem Budget und in kurzer Zeit wurde eine Hand voll gelungener Lösungen gefunden. Ev Hettmer’s raumgroßes Schoko-Haus ist so ein netter Einfall. Das Motiv des kleinen Häuschens kommt nicht nur einmal vor. Es ist das offensichtliche Motiv der Veranstaltung. Zu erwähnen ist auch ein (von Anamarija Batista ) sensibel und kunstfachkundig eingerichteter Raum unter der Schirmherrschaft von Kulturkontakt Austria mit humorvollen und total wahren Arbeiten von Dariia Kuzmych, Alicja Rogalska, Julian Turner [übersehen Sie nicht „Italian Sliding Door“!], Anna Witt und Bassem Yousri. Unter dem Titel „Das Innere wartet draussen auf dich“ erzeugt der Raum ästhetische Akzeptanz durch ein unter die Oberfläche reichendes Zeitgefühl und nicht weil er narzisstisch danach brüllt.
    Die Galerie Bechter Kastowsky zeigt auf professionelle Weise Malereien von Aurelia Gratzer. Die sind handwerklich bestechend und nicht nur dadurch so großartig, dass sie aus einer ganzen Menge Präpotenz tatsächlich wie Perlen herausleuchten. Denn die Sensibilität für Raum, Architektur, Material und Zeit, die viele Teilnehmerinnen mit ihren Interventionen beweisen, die immer wieder vorhandene Qualität einzelner Objekte auch in den insgesamt eher lieblos gemachten Räumen ist im corporate-Teil der Ausstellung nirgendwo mehr zu sehen. Mit einer Art Falco-bezüglichem Dekadenzgehabe hat man zum Teil dumpfeste Signature-Ideen von oft eben noch nicht reifen (ein Unwort!) Künstlerinnen ( ad -innen: es riecht allerdings sehr nach Männlichkeit) zu prominent aufgeblasen und gleich noch für den Glamourfaktor Hermann Nitsch und Erwin Wurm dazwischen gepackt. Beide Räume der Stars sind deplaciert. Sie wirken wie Souvenirläden. Natürlich geht es offenbar um Merchandising: eine (fast durchgehend männliche) österreichische Kulturmarke präsentieren.
    Im Erdgeschoß hat der Maitre des Ganzen eine Ausstellung kuratiert, die man nicht so leicht wegstecken kann oder will. Der Raum war Schalt-und Rechenzentrum, ein Bass wummert, EDV-Möblierung mit Kunst dazwischen, ein roter Teppich (der auch Kunst ist). Zeichnungsgemälde von Franz Graf, farbige Holzschnittplatten von Hans Weigand, das Hipster-Wohnen illustrierende Gemälde von Alex Ruthner (bis hierher an sich tolle Arbeiten) und richtig faszinierende Kohlekringel auf roher Leinwand des Kunstsatirikers, Kapitalismusverstehers und Wellenreiters Christian Rosa. Dazwischen werden noch Antiquitäten mit Preisschildchen (1600€ für eine so genannte Mid-Century Lampe zum Beispiel) aufgestellt, die offenbar die Wohnkultur der Rennrad-fahrenden Werbefachleute in Wien Neubau nachempfinden sollen. Vielleicht wurde auch nur der Keller ausgeräumt. Die prägenden Gestalter*innen dieser Ausstellung glauben offenbar an nichts Anderes mehr (oder immer noch nichts Anderes) als die Dummheit des Kunstkaufpublikums, das schon alles früher oder später anerkennen wird, wenn man es nur mit dem Zeug nicht in Ruhe lässt und träumen sich dabei gleichzeitig in die eigene Jugend zurück,  in die frühen Neunziger. „Ach war das noch schön“, hört man ein Stöhnen, als noch echte Männer, und zwar vor allem Männer, Sperma, Blut und Achselschweiß die Kunst beherrschten. Eine Frechheit und eine Nostalgie ist diese Ausstellung. Dieser kapitalistische Nihilismus, fragt man sich, kann doch nicht ernsthaft noch immer eine Haltung sein. Aber man kann sich schon gut hineinfühlen in diese Notgeilheit. Das ist schon alles ein stimmiges Erlebnis und mit etwas Wohlwollen kann man es ja alles als Sarkasmus, vielleicht als Endzeit-Panorama, lesen.

    Wird jetzt eigentlich empfohlen hinzugehen? Unbedingt. Man soll es sich antun.

    /Von Michael Brunner/