• Museo


    de Franco Palacios/

    Expectativa, sorpresa, confusión.
    El todo y la nada. Atrapados en ese punto infinito.

    El conocimiento contenido en un punto, al que todos podemos acceder. Implosionarlo y mirar nuestro paisaje.
    Solitario, impoluto, austero, a la espera de nosotros. Estar en el interior de un museo pero mirando hacia afuera, apreciar lo que nos rodea. Mar tierra y agua…


    “Existe ese Aleph en lo íntimo de una piedra?”

    “Lo que vieron mis ojos fue simultáneo: lo que transcribiré, sucesivo, porque el lenguaje lo es.”

    (Extraído del libro “El Aleph” de
    Jorge Luis Borges.)

    Museum

    Erwartung, Überraschung, Verwirrung.
    Das Alles und das Nichts. Gefangen in diesem unendlichen Punkt.

    Die Erkenntnis gehalten in einem Punkt, zu dem alle Zugang haben. [Implosionarlo] und wir schauen auf unsere Landschaft.
    Einsam, rein, karg, auf uns wartend. Wir stehen im Innenraum eines Museums aber schauen nach Draußen, und erfreuen uns an dem, was uns umgibt. Meer, Erde und Wasser…

  • Die Tür

    von Tine Kramer/



    Ein Bild von dir taucht vor mir auf: Du bist ein kleiner Junge. Etwas über 6 Jahre alt. Du versteckst dich in der Küche, sogar unter dem Küchentisch, obwohl er, dein Vater, ohnehin nicht in die Küche kommen wird. Deine Mutter, die dich in dieses fremde Land mit dieser fremden Sprache mitgenommen hat, steht in der Tür und sagt deinem Vater, du seist nicht da. Sie täuscht einen Schulausflug vor. Wahrscheinlich fühlte es sich so an, als würde sie dich beschützen. Dein Vater, ein wenig hilflos, vielleicht auch ein bisschen verzweifelt, fragt, ob du seine Briefe bekommen hättest. Sie gibt ausweichende Antworten und sagt ihm, er solle das lassen. Jetzt glaubt er ihr nicht mehr, dass du nicht da bist. Aber was soll er tun? Er kann sie nicht zur Seite stoßen, um nach dir zu suchen. Um dich wieder in den Arm zu nehmen. Immer noch scheint ihm die ganze Situation unfassbar. Sie wollte doch nur einen zweiwöchigen Urlaub mit dir machen und dich rechtzeitig zu deiner Einschulung in deinem Heimatland wieder zurück nach Hause bringen. Dann kam der erste Anruf, ihr würdet noch ein paar Tage länger bleiben, das Wetter sei so schön und bis zum Schulbeginn sei ja noch Zeit. Deine erste Schultasche, die Hefte, dein Federmäppchen lagen schon bereit, um dir freundliche Begleiter beim Lernen zu sein. Gemeinsam hattet ihr sie ausgesucht, jetzt liegen sie wie Mahnmale in deinem früheren Kinderzimmer. Dein Vater hatte schon früh bemerkt, dass du talentiert warst, viel und schnell Neues erkundetest und dir merktest. Dein ganzes Leben über wird dir das Lernen leichtfallen. Wie auch die fremde Sprache dir bald leichtfiel. Du erzähltest mir einmal: Als du noch nicht richtig sprechen konntest, sprachst du kaum ein Wort; deine Mutter machte sich schon Sorgen, etwas könnte nicht mit dir stimmen. Dein Vater aber sah deinen aufmerksamen, klugen Blick, deine denkende Stirn und beruhigte sie, das werde schon werden. Von einem Tag auf den anderen begannst du zu sprechen, und zwar fehlerfrei. Wie gern würde dein Vater jetzt deine Stimme hören, wenigstens ein paar Worte mit dir sprechen können. Als der Freitag, an dem deine Mutter dich wieder nach Hause hätte bringen sollen, verstrich, rief er am Samstagmorgen im Hotel an. Doch ihr wart nicht mehr da und der Mann am Telefon durfte ihm nichts Weiteres sagen, als er fragte, wann ihr abgereist wärt. Wohl schon in den Tagen zuvor hatte deinen Vater ein komisches Gefühl beschlichen, aber er wollte der düsteren Ahnung nicht zu viel Glauben schenken. Seitdem sind drei Monate vergangen. Nun steht er hier und zum ersten Mal wird ihm wirklich endgültig klar, dass er dich verloren hat. Dass du nicht wieder bei ihm leben wirst. Dass du seine Briefe nicht bekommst, dass er dich nicht sehen darf. Kein Gericht sagt das, aber die Frau in der Tür, die er mal liebte, zeigt es. Sie war vor vier Jahren aus einem plötzlichen Impuls in wiederum ein anderes Land gegangen, um ein neues Studium zu beginnen; es würde nicht lange dauern und sie käme ja sicherlich jedes Wochenende nach Hause, meinte sie. Du warst zwei Jahre alt und ab diesem Zeitpunkt kümmerte sich fast ausschließlich dein Vater um dich. Wenn er nicht von Zuhause aus arbeiten konnte, war deine Oma für dich da. Deine Mutter kam zwar regelmäßig nach „Hause“, aber das bedeutete Chaos, Verwirrung und Streit. Eine Fremde kam, die eigentlich gar nicht kommen wollte. Und du konntest dieses Kommen und Verlassen einfach nicht begreifen. Eigentlich konnte es niemand begreifen. Vier Jahre ging es so, die Besuche deiner Mutter wurden immer seltener. Im letzten Jahr schließlich erzählte sie deinem Vater, sie habe jemanden kennengelernt, den sie heiraten möchte, sie bräuchte jetzt seine Unterschrift für die Scheidung. Es überraschte ihn nicht, aber der Schmerz, der aufkam, deutete darauf hin, dass es wohl doch noch ein merkwürdiges Festhalten an eurer kleinen, wohl traurigen, aber immerhin ganzen Familie gab. Die hölzerne Wohnungstür, vor der er steht, in dem hübschen Mehrfamilienhaus, gehört ihrem neuen Mann. Er hat nichts gegen ihn. Er empfindet keine Eifersucht. Er gibt ihm keine Schuld. Wütend ist er auf deine Mutter, die so tut, als sei das alles doch ganz gewöhnlich und doch so abgesprochen gewesen und jetzt seist du eben nicht da, es wäre auch wirklich bescheuert, hier einfach so aufzukreuzen, wie lang er denn gefahren sei, doch sicher 14 Stunden, wer mache denn so was, auf jeden Fall müsse er jetzt aber wieder gehen, das würde er sicherlich verstehen, es geht eben gerade nicht, er solle das nächste Mal bitte vorher Bescheid sagen, dann könne man sehen, ob es ginge. Er weiß, in diesem Moment weiß er es, sieht er es an ihren lügenden Augen, dass es nie „gehen“ wird. Ohnmächtig, wie ein geprügelter Hund, geht er die Treppen hinunter. Sie ruft ihm noch hinterher, er solle wirklich anrufen das nächste Mal. Die Tränen steigen ihm in die Augen. Schnellen Schrittes läuft er zum Auto, setzt sich auf den Fahrersitz und beginnt laut zu weinen. Hier wirst du ihn nicht hören können.
    Deine Mutter kommt zurück in die Küche und sagt dir fröhlich, dass du jetzt mit dem lustigen Versteckspiel aufhören könntest, er sei jetzt wieder weg. Und dass sie dir jetzt dein Lieblingsessen kochen würde. Und vielleicht könntet ihr ja morgen noch in das große Spielzeuggeschäft fahren, dort könntest du dir etwas aussuchen, was dir gefällt.

    (c) Tine Kramer 2021

    Bild: O.T. von Benjamin Kiu, Öl auf Holz, 2021.

  • Zum Frühstück

    von Tine Kramer/

    Zum Frühstück gab es eine Dose Mais und einen Instantkaffee. Danach rauchten wir eine Zigarette und sprachen über „Die fünf Prinzipien des Lebens“ – nun, drei davon: Resignation, Meinungslosigkeit und das zwangsläufige Scheitern der Philosophie. Gleichzeitig lehnten wir jede Form des Nihilismus ab und erklärten sie für unmöglich. Selbstmord bietet keine ideelle Lösung. Wir sind alle Idealisten? Infolge dieses Gespräches entschlossen wir uns dazu, duschen zu gehen. Es war praktisch, dass wir beide Badekleidung trugen. Wir holten den Schlauch und drehten den Hahn auf. Es war sehr kalt und bald taten uns die Köpfe weh.

    (c) Tine Kramer 2021

    Image: Leonie Schwitalla 2021



  • You’re Drawing a Line


    A poem by Stefan Lessmann/

    You’re drawing a line in the sand with a stick
    from the line stones grow:
    our wall to talk

    I gesture behind my side of the wall
    talk in circles, pause when necessary.
    You gesture behind your side of the wall
    talk in squares, no pause when necessary.

    Around us grapevines grow and cover the air with their leaves.

    You talk without break or meaning
    elaborating and analyzing and demanding
    I talk without meaning or break
    shoe lace, ice cream, plum.

    Our wall
    makes us speak louder and scream
    we’re both learning,
    but I’m tired of it.

    (c) Stefan Lessmann 2021

    Image: Details of prints (mouths) from Donatello’s St. George (Marble, 1416, Florence, Museo die Orsanmichele), Nanni di Banco’s St. Philip (Marble, 1410-1412, Florence, Museo di Orsanmichele) and St. Luke (Marble, 1408-1413, Florence, Museo dell’opera dell duomo).
    cf. Donatello und Nanni di Banco. Die Prophetenfiguren für die Strebepfeiler des Florentiner Domes. Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz,17. Bd., H. 1 (1973), pp. 1-28

  • Speaking is Harder When You Want to

    A poem by Stefan Lessmann/

    Speaking is Harder When You Want to



    Speaking is harder when you want to

    leaving the tongue like a ball on the ground.

    He throws like a girl

    but only when he has taken the ball.



    Throwing is harder when you aim

    leaving the sound like a leaf on the ground.

    The tongue erects like a man

    but only when it has touched the mouth.



    Touching is easier with a ball between them

    leaving no tongue as a ground for new sounds.

    The speech collapses like an aim

    and the ball can go wherever it wants.





    (c) Stefan Lessmann 2020

    Images: Details of prints (mouths) from Donatello’s St. George (Marble, 1416, Florence, Museo die Orsanmichele), Nanni di Banco’s St. Philip (Marble, 1410-1412, Florence, Museo di Orsanmichele) and St. Luke (Marble, 1408-1413, Florence, Museo dell’opera dell duomo).
    cf. Donatello und Nanni di Banco. Die Prophetenfiguren für die Strebepfeiler des Florentiner Domes. Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz,17. Bd., H. 1 (1973), pp. 1-28

  • Praktische Lösung zur Sinnhaftigkeit des Lebens. Aus dem Maschinenraum #3



    Praktische Lösung zur Sinnhaftigkeit des Lebens

    „Ohne hinzusehen, den Blick leer zum Fenster gerichtet, worin sich sein Gesicht spiegelte, nahm er ein frisches dunkelblaues Schreibheft aus der obersten Schublade seiner Kommode.

    Zuerst verwendete er einen rot schreibenden Kugelschreiber, dann wechselte er zu Bleistiften unterschiedlicher Stärke, zu Tinten- und Buntstiften. Um die Spurenleser, Graphologinnen, Erbinnen und Notare zu verwirren, wenn das möglich war, die sich später einmal dieser Hefte annehmen würden, legte er abwechselnd ein Aluminiumblech, unebene Holzplatten, einen weichen Karton unter, schrieb mit links auf seinem Oberschenkel, bat verschwiegene Freunde um Hilfe und bemühte sich die Zacken seiner Handschrift in unterschiedliche Himmelsrichtungen ausschlagen zu lassen.

    Wenn er an jedem Tag zehn Einträge in einem Tagebuch fälschen würde, würde jeder neue Tag ihm zehn vergangene einbringen, binnen weniger Jahre wäre er in seine Kindheit zurück gelangt. Er würde sein Leben von diesem Moment an von hinten aufrollen. Mit der vom Ursprung wegfließenden Zeit in die Vergangenheit zurücktreiben. Seine Vergangenheit, jugendlich aus seinem Kopf geboren, würde der schwerelos schwebenden Gegenwart unvermeidlich ein Gewicht verleihen. Und für die Zukunft, Himmel sei Dank, war auch ein Zweck gefunden.

    Er begann zu schreiben:

    17. August: Auch erfundene Tage sind nicht immer gut.“

    Text, Image: M.Brunner, 2020.

    Aus dem Maschinenraum #2

  • „Lebendiges Wissen wird in Echtzeit abgesaugt.“ Antonio Negri’s Vorschläge für eine „neue Europäische Union“

    Von Michael Brunner/

    Der italienische Philosoph Antonio Negri, bedeutender Vertreter des so genannten „Operaismo“, war am 04. Juni 2018 in Wien zu hören. Als erster Redner der von der Akademie der Bildenden Künste neu eingerichteten Serie von Otto-Wagner-Lectures (2019 folgte Vandana Shiva: Soil not Oil | The transfer from the age of fossil fuel for the awareness of a living Earth), präsentierte Negri seinen Vortrag unter dem Titel „A subject for europe.“ Da ich mir zwei Jahre nach diesem Auftritt mit Fragen nach den Folgen des Anthropozäns für Grundbegriffe der politischen Philosophie, wie Freiheit und Gerechtigkeit, den Kopf zerbreche, blätterte ich jetzt wieder durch meine Notizen. Das Anthropozän beschreibt nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Krise. Bruno Latour spricht von der Notwendigkeit eines „geo-social class struggle“. Auch die Pandemie weist uns wieder einmal darauf hin, dass die drängenden Probleme nur global und kooperativ gelöst werden können. Aus diesem Grund möchte ich Negris neomarxistische Interpretation der im Kontext der Globalisierung wirkenden Kräfte an dieser Stelle teilen.
    (Vielleicht auch als Geburstagsgruß? Am ersten August wurde Negri 87 Jahre alt.)

    Negri ist zusammen mit Michael Hardt Autor der Bücher Empire (2001), Multitude (2006) und Common Wealth (2009). Ab den 1960er Jahren war Antonio Negri als deren politischer Theoretiker maßgeblich in der italienischen Arbeiterbewegung engagiert. Zuletzt veröffentlichten Negri und Hardt das Buch Assembly (2017), in dem sie unter anderem auch um eine Beseitigung geläufiger Anachronismen rund um den Begriff der Arbeit bemüht sind. In Wien destilliert Negri aus den Werken der vergangenen Jahre seine Perspektive für eine „neue europäische Union.“  

    In seiner in Wien gehaltenen Vorlesung ging es Antonio Negri, dem Rahmen der Otto Wagner Lectures zum Trotz, nur wenig um Architektur, es sei denn er gebrauchte sie als Metapher in seinen zentralen Ausführungen über die „Architektur der Europäischen Union“.  Tatsächlich war sein Text ein rhetorisch aufwendiger Aufruf zum gemeinschaftlichen Handeln. Statt Objekt einer zentralisierten Herrschaft zu sein, solle Europa als eine Gemeinschaft, als ein handelndes Subjekt, als eine Kommune, wiederaufgebaut werden. Negri versucht sich in seinem Vortrag, wie in seinen neueren Büchern, an einer radikalen Neuausrichtung des kritischen, (neo)-marxistischen Kompass an den Produktions-und Arbeitsbedingungen der Gegenwart. Anschaulich wurde dabei mehr als in seinen Büchern die eigentümliche Verbindung, die Negri methodisch zwischen einem aufklärerischem Aufruf zur Selbstermächtigung der Vielen einerseits und den Begriffen und Analyseinstrumenten der marxistischen Linken andererseits herstellt. Er nimmt dabei die aus seiner Sicht richtigen Grundintuitionen des politischen Liberalismus auf, der als politischer Grundkonsens  im großen und ganzen die westlichen Demokratien prägt. Dazu gehören etwa der Wert der Freiheit von Personen und Gütern und die Garantie der Menschenrechte. Diese unverhandelbaren Grundintuitionen ergänzt er aber um eine jeweils spezifische Interpretation, die sie letztlich als Legitimation von Ungleichheit untauglich machen sollten.
    Insbesondere nimmt er im Verlauf seines Wiener Vortrages konkrete Anpassungen an den so wesentlichen politischen Begriffen der Freiheit, der Macht und der Arbeit vor.

    Physische Freiheit

    Mit den kursierenden Freiheitsvorstellungen ist Negri unzufrieden. Unspezifische Freiheit ist als ethisches und politisches Gut zwischen den unterschiedlichsten politischen Ideologien und Theorien offener Gesellschaften unstrittig. Der italienische Philosoph wird in Bezug auf diese Freiheit jedoch schnell spezifisch. Eine der zentralen Kontroversen in Bezug auf eine kausal vollständig globalisierte Welt ist die Frage nach der globalen Freiheit oder Freizügigkeit. Dabei geht es, aus Negris Sicht, jedoch um ein noch allgemeineres Problem als das, ob Menschen von den benachteiligten Zonen der Welt in die prosperierenden migrieren dürfen.
    Freiheit sollte nicht nur in unseren konkretesten Vorstellungen davon, sondern auch in ihrer philosophischen und politischen Bedeutung grundsätzlich auch als physische Freiheit verstanden werden. Wenigstens sollte Freiheit, als Menschenrecht interpretiert, die Möglichkeit über seinen Körper frei zu bestimmen als zentralen Aspekt einschließen. Die große Beachtung, die eher abstrakte Freiheitsvorstellungen in der politischen Theorie erhalten hätten, hätten die physische Grundbedingung der Freiheit in den Hintergrund gerückt.

    Arbeit: „Lebendiges Wissen wird in Echtzeit abgesaugt.“

    Der zweite politische Begriff, der aus der Sicht Negris heute nicht mehr richtig verstanden werde, sei „Arbeit“. Hier sei es insbesondere die politische Theorie der Linken, in der „Arbeit“ mit vielen Anachronismen behaftet sei.
    Der letzte große Arbeitskampf, in dem die traditionelle Gleichung Welfare + Industrielohn verhandelt worden sei, habe, so Negri, 1995 , also vor einem Vierteljahrhundert, stattgefunden.* An dessen Stelle sei heute die Biopolitik getreten. Die heutigen Konflikte fänden auf dem Terrain der Produktion und Verwertung des Lebens statt. Arbeit habe sich heute von einer mechanischen, körperlichen, physische Ressourcen aufbrauchenden Arbeit in eine kognitive und kommunikative Arbeit verwandelt. Negri betont mehrfach, dass diese Verwandlung des Charakters der Arbeit sehr positiv zu bewerten sei. Da Negri Freiheit materiell, das heißt im konkreten Fall der Freiheit eines Menschen physisch versteht, bietet diese Entwicklung das Potential zu mehr Freiheit. Allerdings, das ist die Kehrseite, sei dadurch die Kongruenz von Kapital und Arbeitskraft größer geworden. Während die mechanische Arbeit ein „Außen“ habe, für und mit dessen Hilfe der Arbeitskampf kämpft, gebe es für die neue Form der Arbeit, für die gegenwärtige Herrschaft des Kapitals, kein „Außen“ mehr. Die neuen Arbeitsformen erfordern und ermöglichen Kommunikation, Subjektivität und Singularität. Sie umgreifen und verwerten dadurch aber auch jene Aspekte des Lebens, die früher (so wenig Raum es dafür im Einzelnen gegeben haben mag) außerhalb der Arbeit und außerhalb der privaten oder staatlichen Wertschöpfung angesiedelt waren, da sie Güter wie die Natur oder Ideen betrafen, die allen gemeinsam gehörten. Da die neuen Produktionsformen durch das Mittel der kreativen und kommunikativen Arbeit die Natur und das Wissen „privatisierten“, seien sie Teil einer Tendenz zur Totalität der kapitalistischen Wertschöpfung. Das Kapital lebe nicht mehr nur von der physischen Arbeitskraft, sondern schöpfe die Subjektivität der Arbeitenden, ihr Erleben der Welt, ihr Wissen, ihre Kommunikation und ihre Ideen und damit ihr individuell Privates in produktiver Weise ab. Das Private ist nicht mehr nur im Sinne des berüchtigten Slogans der 68er politisch, es ist – anschaulich in den sozialen Medien – Rohstoff und Produkt der Wertschöpfung.  Die privaten Kommunikationsmedien, die unser gegenwärtiges Leben augenscheinlich so stark bestimmen, sind also keinesfalls privat in dem Sinne, dass sie uns gehörten. Sie sind „privat“ in dem Sinne, dass sie einem privatwirtschaftlichen Unternehmen als Ressource dienen. Sie sind eine Manifestation der als Produktivität abgeschöpften Subjektivität, die dadurch natürlich aufhört Subjektivität zu sein.

    Laut Negri hänge die heutige Situation der globalen Bevölkerung als ganzer offenkundig von geopolitischen Fragen ab. Als ein Materialist der Freiheit, der auch ein Materialist des Raumes sein muss, betrachtet er politische Dynamik auch als eine Art tektonischer Bewegung und Politik als Erd-Klima und Bioressourcenforschung.  So dient ihm der gegenwärtige Zustand der europäischen Union als Anwendungsbeispiel für seine Strategie, disziplinarisch wirkende Machtkonzentrationen aufzubrechen und den historisch dominanten Konzepten des privaten und öffentlichen Eigentums das Konzept der Multitude als gemeinschaftliches Subjekt entgegenzustellen. Das materialistisch-humanistische Update der Begriffe „Freiheit“ und „Arbeit“ bieten dafür die Grundlagen.

    Die europäische Union und die Nationalstaaten: Negri’s politische Problembeschreibung

    Für Negri lebten die heutigen westlichen Demokratien „in der Agonie des kalten Krieges weiter.“ Negris US-Amerikakritik erregt den Verdacht Standardrepertoire linker Makropolitik abzuspulen. Allerdings kritisiert er nicht die USA direkt, sondern den Fokus den Europa auf die transatlantischen Beziehungen lege. Europa definiere sich gerade zu über diese Beziehungen. Stattdessen müsse das politische Europa im Gleichgewicht zwischen Europa und Asien neu entstehen.
    Auch innerhalb der europäischen Union herrsche kein Gleichgewicht, sondern ein  Zentrum disziplinarisch über seine Peripherie. Brüssel als Zentrum, das seine geographische und politische Peripherie regiere, illustriere als geographische Mitte die Machtverteilung innerhalb der Europäischen Union. Brüssel habe sich fast vollständig von Südeuropa gelöst. Demokratische Konfrontation sei innerhalb und zwischen den Staaten Europas fast vollständig abgeschafft und durch disziplinarische Maßnahmen ersetzt worden. Womöglich zeichnen sich innerhalb dieses disziplinarischen Zentrums der EU gegenwärtig neue, zusätzliche Konfrontationslinien ab: etwa zwischen den „Sparern“ plus Visegrad-Staaten, die lediglich daran interessiert scheinen, maximal zu profitieren und denjenigen, die bereit sind europäische Integration teurer zu erkaufen.
    Negri fordert die Wiedererrichtung der europäische Union unter einer völlig neuen Idee und mit neuen Mitteln. Die europäische Union, wie wir sie heute kennen, betrachtet er als gescheitert. Gescheitert sei sie vor allem aufgrund der Methode, mit Hilfe derer man die  Union als „Friedensapparat“ etablieren wollte. Die Vorstellung von der Zollunion zur Kulturunion gelangen zu können, sei eine Illusion und im Ansatz falsch gewesen. „Man hat es vorgezogen eine Macht zu schaffen, anstatt eine Gemeinschaft zu schaffen“, kritisiert er.
    Wie sehr die europäische Union als ein Macht-Agent handle, zeige sich etwa in der Art und Weise, in der der „griechische Frühling“ beendet worden sei. Dies sei keineswegs die Niederschlagung einer Revolution gewesen, also ein außerordentlicher Moment der Selbstverteidigung eines Systems, sondern ein normaler Verwaltungsakt innerhalb der EU. Hätte die Regierung des griechischen Premierministers Tsipras Widerstand geleistet, so Negri, hätte dies nur in eine noch größere Katastrophe geführt. Dies beweise die Selbststabilisierungsmechanismen der EU, deren disziplinarische Mechanismen keinen Verteidigungsfall, sondern den Normalfall innerhalb des bestehenden Systems darstellten.
    Eine vergleichbare disziplinarische Rhetorik findet sich, meiner Meinung nach, auch in der europäischen Reaktion auf die grassierende Pandemie. Auch wenn das Sanktionsprinzip mittlerweile Konkurrenz durch die Allgegenwart der Forderung nach „Solidarität“ bekommen hat.

    Diese Herrschaftsstrukturen, so Negri,  müssten als ganze verändert werden, um eine Alternative zuzulassen. Für Griechenland habe es kein ‚Außen‘ gegeben, mit dessen Hilfe es hätte kämpfen können. So wenig wie es für die postmoderne Arbeiterschaft ein solidarisches „Außen“ gebe.

    Was die Problembeschreibung betrifft, eröffnen sich in Negri’s Kritik an der EU heikle Momente der Übereinstimmung zwischen Links und Rechts. Der neue Nationalismus lehnt wie Negri und ein nicht unwesentlicher Teil der Linken die heutige EU ab. Doch die Unterschiede überwiegen. So lehnen Nationalisten nicht die disziplinarische Herrschaft als solcher ab, sondern wollen lediglich die disziplinarische Konkurrenz von Brüssel und den Nationalstaaten zugunsten letzterer entscheiden. Der Nationalismus agiert gegenüber der EU nicht anders als ein Nationalstaat gegenüber einem anderen. Darüber hinaus wendet sich Negri, anders als die Nationalisten, nicht gegen die Idee Europas und die Notwendigkeit seiner kommunalen Einheit. Die historischen Erblasten, wie der Kolonialismus und die Weltkriege, die auf dem Begriff „Europa“ liegen, wiegen aus seiner Sicht nicht schwerer als die Momente der geographischen und geopolitischen, klimatischen, ethnischen Einheit sowie der Einheit der Quellen der gelebten Kulturen, die eine europäische Gemeinschaft stiften sollten. Die problematische Gegenwart und Vergangenheit fordere allerdings, dass Europa „auf der Basis des Bruchs“ wieder aufgebaut werde.

    Die Vielen und die Macht: Gibt es die Möglichkeit zur Veränderung?

    Wenn es um die Frage der möglichen Veränderung geht, scheut Negri phasenweise vor politischem Pathos nicht zurück. Gibt es eine Chance eine solche grundsätzliche Veränderung herbeizuführen?
    Ja, durch eine Kritik der Macht. Aber was ist Macht?
    Macht als elementaren Begriff einer Soziologie lehnt er ab. Sie ist für Negri ein Wesen mit verschiedenen konkreten Eigenschaften. Sie bestimmt eine Herrschaftsstruktur. Sie ist begrifflich nicht elementar. Sie ist keine methodische Voraussetzung seiner Analyse, insbesondere ist sie nicht soziale Kausalität. Es gibt etwas anderes gegenüber der Macht. Es gibt Kooperation und Gemeinschaft und diese können nicht einfach als Macht anderer Form oder als aufgeteilte Macht verstanden werden. Außerdem sei keine Macht total, weder historisch noch theoretisch. „Die Macht ist kein Leviathan“, wiederholt er mehrfach. Einen Rest Widerstand gebe es im schwärzesten Totalitarismus, in den Konzentrationslagern, in den Gulags, in der Ausbeutung von Arbeiter*innen und Sklaven. Ihre bloße Existenz sei Widerstand. Die Tatsache, dass der Widerstand existentiell nie aufgehoben werden könne, sei nicht bloß ein Trost gegenüber pessimistischen Philosophien. Als Keimzelle des Widerstands rechtfertige sie den Handlungsoptimismus. Dieser Keim des Widerstands zeige sich auch darin, dass eben auch das Absaugen der Subjektivität durch das Kapital niemals vollständig geschehe. Es bleibe immer ein Rest.

    Diese Idee einer notwendigen Dialektik zwischen Macht und Widerstand dient Negri als Mittel Veränderung zu motivieren. Er fordert, nicht bloß in Bezug auf die EU, eine „Transformation“ der Macht. Die durch die Macht geschaffenen Strukturen müssten verändert und nicht bloß Machtpositionen neu besetzt werden. Die Idee, dass man den Staat als Machthebel für eine positive Veränderung benutzen könne, wie dies prominente Sozialreformer wie Jean Ziegler oder die Soziologin Chantal Mouffe fordern, sei falsch. Die Idee des Linkspopulismus, der vorgebe die vorhandenen Herrschaftsstrukturen zugunsten der postmodernen Arbeiterschaft einnehmen zu können, lehnt Negri aus diesem Grund ab. Man könne in einer Welt, in der es kein Außen mehr gebe, nicht auf diese Weise „Inseln der Neutralität“ errichten. Die Gemeinschaft müsse als Gemeinschaft zu ihrem eigenen Wohl handeln. Aus dem immer vorhandenen Widerstand müsse eine „pragmatische Gegenkraft“ mobilisiert werden. Diese Gegenkräfte müssten konkret zu einer vollständigen Ablehnung der Institutionalisierung von Schulden, zur absoluten Ablehnung des Krieges, zum Kampf gegen Ghettoisierung, sowie gegen internen und externen Kolonialismus eingesetzt werden. Geschaffen werden müsste eine „globale Republik“ gegen die „imperiale Monarchie“. Der Liberalismus als maßgebliche politische Ideologie des Westens hingegen lehne jede Art von institutionalisiertem Wohlstand für die Armen, aber immer mehr arbeitenden Menschen ab.

    Gesellschaftlicher Umbruch als Vernunftakt?

    Negris Argumente erlauben es, sich die Umrisse seiner Utopie auszumalen. Seine optimistische Ausstrahlung macht schließlich die Attraktivität von Negris Schriften, Reden und Vorschlägen aus und kennzeichnet ihn als einen zwar radikalen Theoretiker, aber versöhnlichen Marxisten, der auch in der Sprache seine pazifistische Gesinnung ernst nimmt. Sein Klassenkampf ist kein Kampf im eigentlichen Sinne, der Sieger und Besiegte generiert. Man stellt sich die Umstrukturierung, die zur Verwirklichung seiner demokratischen Utopie notwendig wäre, weniger wie eine Revolution, sondern eher wie einen kollektiven Akt der Übereinkunft, und damit als einen Akt der Vernunft vor. Die sprachliche entschärfte Form, in die er seinen Aufruf zur Systemveränderung kleidet,  spiegelt die Verschmelzung von liberal-rationalistisch-humanistischen Idealen und eines marxistischen Materialismus in seinen Analysen wieder.

    Die in ihrer Anwendung auf Fragen der globalen Migration heute unter Linken nicht immer unumstrittene ehemals linke Kernbotschaft der internationalen Solidarität wird von Negri in eine postnationalistische Sprache übersetzt und erhält eine politische, philosophische und ethische Dringlichkeit, die über die „Brüder im Kampf“-Vorstellung vergangener Zeiten hinausgeht. Der Aufbau auf Basis des Bruches könne nur erfolgen, indem man für die „materiell relevanten Themen“ kämpfe, für die „physische Freiheit“ aller und nicht zuletzt auch für die „Durchmischung der Kulturen“.  Sicherlich gut gemeint ist diese Forderung. Dennoch bleibt die Terminologie irritierend. Dort wo allzu buchstäblich von Durchmischung die Rede ist, ist die Gefahr groß, dass eine gefährliche Sehnsucht nach Differenz in bloß sublimierter Form noch immer lauert.

    Tatsächlich geht es dem „Operaisten“ Negri offenbar nicht um „Toleranz“, „Nebeneinander“ oder „Integration“. Er greift die kulturalistische Begrifflichkeit auf und verlangt gleichzeitig ihre Auflösung. Seine Forderung nach einer Durchmischung der Kulturen ist natürlich in erster Linie als Provokation gegen diejenigen Unverbesserlichen zu verstehen, die etwas gegen diese „Durchmischung“ haben. Und in zweiter Linie als Polemik gegen einen liberalen Kompromiss der bloßen gegenseitigen Duldung. Es geht ihm letztlich um eine Kritik am Fetisch der Identität von Kultur und Kommune. Wir brauchen keine Gemeinschaft, in der wir als abstrakte Staatsbürger*innen aller unserer biographischen Eigenschaften entkleidet sind, während wir im Privaten unsere Unterschiede praktizieren dürfen. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in die alle unterschiedlichen Erfahrungen und Geschichten einbezogen werden können, und in der wir alle mit unseren jeweiligen Unterschieden vollen Wert entfalten dürfen. Hier zeigt sich wieder die humanistische Wurzel von Negris Vernunftmaterialismus: Gemeinschaft und kommunales Handeln seien nicht von einer gemeinsamen Identität abhängig, sondern universell. Erst durch die Unabhängigkeit der Kommune von einer äußerlich bestimmten Identität können letztlich alle Hürden für eine europäische oder globale Gemeinschaft beseitigt werden. Erst dadurch sei es möglich die Verantwortung für alle in die Hände aller zu legen.

    *Gemeint ist wohl: November-Dezember 1995, Generalstreik durch die Gewerkschaftsverbände CGT, FO, CFDT gegen die Reformpläne der neu gewählten Regierung Juppé/Chirac.

    Bemerkung des Autors:

    Antonio Negri trug seinen Text und die Antworten auf die anschließenden Fragen ohne visuelle Unterstützung in italienischer Sprache vor. Die hier zusammengefassten Ideen und Zitate wurden auf Basis der Live-Simultanübersetzung des mündlichen Vortrags transkribiert. 

    M. Brunner (2019)

    Image: Antonio Negri und Michael Hardt
    (c) Campus Verlag (2019)