Kleinere Brötchen backen müssen. Das ist damit gemeint. Um einen großen Teil meines Lebens begleitet mich diese Wahrnehmung schon: die Welt und meine Mitmenschen möchten mich immerzu dazu überreden, diese kleineren Brötchen zu backen. Nicht die ganz großen Dinger. Und ich? Ich verweigere mich dieser Bescheidenheit auf kindische oder kindliche Weise. Und so hat mich jetzt die Krankheit doch dazu gebracht. But no! Das ist eine Version der Geschichte und nicht unbedingt die beste, fürchte ich.
Der erste Teil dieses Tagebuchs ist sehr lückenhaft. In dieser Phase meiner Erkrankung an ME war ich zum größten Teil nicht in der Lage auch nur Notizen zu machen. Aber gerade in dieser Zeit war der Text paradoxerweise umso präsenter. Er hatte Gelegenheit sich in der Privatheit des Denkens zu formen, sich in Wiederholungen, Variationen, Umarbeitungen zu manifestieren. Dieser Text war der Ersatz der normalen sozialen Interaktion und dazu noch das Ergebnis der Erfahrung, dass sich mein Zustand mit schwerer ME/CFS nicht in bekannten Begriffen ausdrücken lassen.
Diese Gedanken und Notizen existierten also teilweise schon lange als fertiger mentaler Text, bevor ich sie tatsächlich aufschreiben konnte.
Das Tagebuch beginnt von Vorne.
28.03.2024
Bildein, Wald
19.05.
Katastrophe
Sich mit Herrndorfs Text zu vergleichen verbietet gleich eine mehrfache „Pietät“, die Achtung vor seinem Tod, also der unmittelbaren Finalität seiner Aufzeichnung, die von Anfang an vorgegeben war, und natürlich die Achtung von seiner künstlerischen Persönlichkeit, der Literarizität seines Schreibens. Seinen Text, der halt auch einfach voller Geist ist, veredelt sozusagen der Horror vor der Endgültigkeit des Todes, des Endes, das auch das Ende seines Textes sein wird. Und das Vergnügen des Lesens, das man sich ja kaum so nennen traut, ist auch ein Voyeuristisches, das dieses Schreiben begleitet, das in ein Schweigen münden wird. Das ist eben die Dramaturgie des Lebens und damit die Dramaturgie schlechthin.
Meine chronische Erkrankung ist nicht final, jedenfalls vermutlich nicht, ihr Horror ist ein vollkommen unkünstlerischer Horror, der Horror des Gewöhnlichen, der Horror von der Alltäglichkeit des Leidens – die Alltäglichkeit eines Leidens ist nicht erzählbar. Auch wenn man sich nie daran gewöhnt ein halbes oder vierteltes Leben leben zu können, so kann man diese Erfahrung nicht jeden Tag neu erzählen ohne zu langweilen. Man ist eben, wie Daudet ganz richtig schreibt, für die anderen irgendwann eine Schrulle und zwar in einer Reihe mit den anderen Versagern, denn Unglück ist für uns nicht begreifbar. Es muss ein Scheitern sein.
Was ich mir eben zu Herrndorf notierte, erlaubt es vielleicht ihn mit Rimbaud zu vergleichen. Rimbaud der freiwillig verstummte, sich aber später, nachdem er das Dichten mit einem Schlag (so heisst es) aufgegeben hat, sich ebenso gegen das Sterben wehrte (noch kindischer und deshalb noch symbolischer vielleicht als Herrndorf)
22.06.2024
Seit gestern ist die totale Krankheitsdepression weg. Es setzt wohl so etwas wie Gewöhnung ein, wenn auch die Verzweiflung weiterhin häufig durchkommt. Ich bewege mich etwas souveräner NICHT, wodurch die Angst vor Überbelastung etwas abgenommen hat.
Sehr lebhafte Träume.
Ein sehr detailliert ausgestatteter Traum, der sich wohl um das Ende der DDR (als Modell) oder auch um Berlin kurz nach der Befreiung ‚45dreht. Jedenfalls trägt er sich in einer dreckigen, verblichenen, geplünderten, vernachlässigten und verlassenen Stadtlandschaft zu. Fabriken, Eternit, aufgebrochener Asphalt, verrußte Rohre, öde Betonwüste, Parkplätze, Dieselmotoren, Chemieabfälle. Ich gehöre zu einer Bande von Jugendlichen, die einen glücklichen Unterschlupf bei einer alten Fabrik gefunden hat. Allerdings hängt die ständige Gefahr eines Atomunfalls in der Luft, und mit Strahlung hat wohl auch die Fabrik zu tun. Dort sind noch einige strenge, pflichbewusst-loyale Bedienstete des alten Regimes. Wir durchstreunen Schuppen und Lagerhallen, und finden viel verstaubtes Material, spannende Utensilien, funktionstüchtige Maschinen, Lampen, Kabel, Drähte. Aus irgendeinem Grund muss ich unbedingt einen Parkplatz finden. Aber die Parkplätze sind alle vergeben, sagt man mir. Offensichtlich sind sie es nicht, denn es gibt keinen mehr, der arbeiten würde und niemand benötigt die Parkplätze. Es gibt einen (Strahlen)-Alarm, ein altes Feuerwehrauto rast an uns vorbei, schlittert über Straßenbahnschienen und regennassen Asphalt.
Ich entdecke auf einer weiten Industriefläche, wo früher einmal Fabrikhallen oder Baracken gestanden haben, und nun nichts mehr als eine endlose, von durchbrechendem Gras und jungen Bäumen bewachsene Asphaltfläche zu sehen ist, ein Camp von irgendwie total woken Punks, die politische Diskussionen auf einem Podium abhalten. Ich will mich ihnen anschließen. Ich möchte dazu gehören, aber irgendwie gibt es noch etwas zu erledigen, also mache ich mich wieder auf den Weg. Als ich schließlich zum Camp zurückkehren möchte, werde ich von einer Gruppe marodierender Neonazis angehalten. Ich versuche mich herauszureden, steche dann mit dem Messer zu und laufe panisch zu den Punks zurück und rufe „Nazis haben mich überfallen, helft mir“. Dann wache ich auf.
23.06.
Das Leben ist schön – von halb draussen betrachtet. Aber habe ich das nicht schon immer gewusst, wie schön es ist?
24.06.
Und wieder zurück in der Aussichtslosigkeit. Ich habe etwas gezeichnet gestern – wohl zu viel -und schon beginnt als Reaktion darauf der Krankheitszyklus von vorne. Gleichzeitig sehe ich wie die Zeit vergeht, mit dem Ende des Schuljahrs ist wieder eine Markierung gerissen, dann beginnen die Ferien und das heißt, dass ich mich damit befassen muss, im kommenden Schuljahr nicht arbeiten zu können und mich mit der Versicherung um meinen Arbeitsunfähigkeitsstatus bemühen muss. Es passiert nichts, die Tage sind leer und dennoch verstreicht die Zeit.
25.06.
Der Birnbaum in der Mittagssonne, der Birnbaum im starken Wind ist ein anderer,
die alten mit Flechten bewachsenen knorrigen und dürren Äste, eine Art dichter Kern von altem Wuchs durch den sich eine violette Kletterrose windet, einmal wurde seine Krone gestutzt, aus dem jüngere Triebe, wie die erhobenen Hände ehrgeiziger Schüler hervorwachsen, im Wind zittert das Sommerlicht auf den Blättern, messingfarbene Birnen baumeln daran.
Die bildreichen Träume setzen sich fort: ein hohes Gebäude durch das sich tunnelartige Gänge in Kurven winden.
26.06.
Ich bin mit meiner existeniellen Dramatik schon zu einer Art permanenten Einrichtung geworden und es scheinen sich langsam alle daran zu gewöhnen, dass ich der Kranke bin.
Ich bekomme Post von Stefan, eine Aphorismensammlung von Ludwig Marcuse und eine Karte mit einem General, der seine Hand auf einen „Marillenpopo“ legt.
28.06.
Nach einem Tag voller Totmüdigkeit und düsteren Gedanken wieder etwas Hoffnung. Ein schöner Sommertag, aber das spielt für mich keine Rolle.
30.06.2024
Experiment mit Candersatan-Amlodipin, Ausgangsblutdruck 125-80, 61; Einnahme 12.38
Amlodipin ist ein Angiotensin-Rezeptorblocker
Das Aufschreiben ist die letzte Waffe gegen das Unertraegliche. Es distanziert, indem es feststellt. Wie eigenartig.
21.04.25
Wir fuhren am Nachmittag zu meinen Großeltern nach W. Das war der erste Besuch dieser Art. Der erste kurze Ausflug (abgesehen von Arztbesuchen) seit über einem Jahr. Meine Opa hat ein blaues Gesicht. Er ist gestürzt und auf eine Tischkante gefallen. Eine Gehirnerschütterung oder ein Jochbeinbruch sind nicht auszuschließen. Aber das ist ihm wie alle seine Gebrechen offenbar gleichgültig. Arztbesuche kommen für ihn grundsätzlich nicht in Frage. Diese passive Selbstzerstörung ist pathologisch. Er kann kaum mehr gehen, wird immer dünner, zittert vor Schmerz während er sitzt. Er verweigert sich seit Jahren jedem Versuch der Behandlung. Meine Oma hat nun selbst ein Problem mit ihrer Hüfte und kann ihm nicht gut helfen. Es berührt uns alle ihn so demoliert zu sehen. Aber er hat sich einen Status geschaffen, wenn man es so nennen darf, dass Versuche seine Sturheit zu brechen, ihm zu widersprechen, unvorstellbar sind. Was steht hinter einer solchen Verweigerung? Ich befrage wieder einmal ChatGPT. Die Antworten sind durchaus plausibel.
22.04.
Fahrt nach Bayreuth zur Immunadsorption:
Was ich in meinem gegenwärtigen Leben als ein Problem (unter vielen) erachte: es fehlen die zelebrierten Momente, die Rituale und symbolischen Einschnitte. Und das fehlt mir.
Vor der Abfahrt nach Bayreuth lese ich meinen Eltern die Antwort vor, die mir ChatGPT gibt, als ich es frage, wie mit meinem sturen Großvater umzugehen wäre, damit er sich medizinische Hilfe holt. Meinem Vater geht es wie mir, als ich die ersten Erfahrungen mit dieser Technik machte: fast im Moment spürt er die Auswirkungen, die diese für seinen Blick auf Leben, Sinn, Arbeit…hat. Eine gewaltige Verschiebung. Und das erhärtet wiederum meine Wahrnehmung: die Sinn Frage ist eben ein sehr reales, sehr unmittelbares Problem für ein menschliches Leben – allein die anvisierten Möglichkeiten dieser Technik erschüttern viele der gängigen Sinnkonzeptionen, die hinter Lebensentwürfen bis in die Gegenwart stehen.
Schließlich brechen wir auf. Ich liegend auf der Rückbank mit Kopfkissen, Schlafmaske und Ohropax. Im Kofferraum der Rollstuhl.
Während der Autofahrt nach Bayreuth, während ich auf dem Rücken liege und döse, das heißt in meine schon gut geübte „ME/CFS -Ich träume mir eine Welt-Meditation“ übergehe, kommen mir folgende Ideen: eine Fotoserie „Couples“ mit Bildern über Paare, also inszenierte, künstliche Bilder.
Eine Serie von Kunstwerken, die sich mit meinen Wünschen etwas zu können oder etwas zu sein beschäftigt. Und der Unmöglichkeit all dies Gleichzeitig in einem Leben zu realisieren, vor allem wenn die Zeit durch Krankheit verengt ist. Das Problem des Wollens und das Problem der Zeit. Ich möchte Mundharmonika spielen lernen und dergleichen willkürliche Vorhaben.
Ich erwache aus meinem Hirnkino als wir auf einen Stau auffahren. Gerade auf einer wegen Bauarbeiten auf eine Fahrspur verengte Fahrbahn kam es zu einem Unfall. Wir stehen etwa 20 Minuten. Vor uns und hinter uns steigen einige Personen, vor allem Männer, aus ihren Fahrzeugen aus, holen etwas aus dem Kofferraum oder laufen über die Baustelle zur Böschung, um zu pinkeln.
Mein Vater bemerkt, dass wir uns in einer durchaus bedrohlichen Situation befinden. Würde einer beängstigend nahe vorbeirauschenden LKW Fahrer im entgegenkommenden Verkehr die Kontroller über sein Fahrzeug verlieren, wären wir, da ja wegen der Baustellenverengung die Mittelleitplanke fehlt, „platt wie ein Pfannkuchen“. Ich kann spüren, wie ihn dieser Gedanke quält und schon ergreift er auch von mir Besitz. Es fühlt sich anders an als früher. Der Überlebensinstinkt konkurriert mit einer gewissen Gleichgültigkeit.
Während der Weiterfahrt höre ich eine Hörspiel Version der Jelinek-Übersetzung von Pynchons Gravitys Rainbow. Ich kenne das Buch schon. Diese unvergleichlichen Details….ich begreife auch, wie man Sprache als Autor nicht nur als Bedeutungsträger, sondern auch als Material, ihre Musikalität begreifen kann. Ich begreife das erst im Hörspiel, in diesem Hörspiel wirklich. Und das zeigt irgendwie auch, dass die damit verbundene künstlerische Hoffnung vielleicht vergeblich ist. Ohne die Hörspielgestaltung sagten mir die Kapitel wie die Kenosha-Kid Variationen nichts. Ich kann (noch nicht) Texte so lesen, und deshalb ist mir das szenische Schreiben auch so fremd, vermute ich.
23.04.
Die Ferienwohnung befindet sich im Erdgeschoss einer neugebauten Wohnanlage, die zwischen der Altstadt und einem kleinen Viertel Plattenbauten gelegen ist.
Für die Immunadsorption bekomme ich ein Bett neben einem kleinen Jungen, der mein „Schicksal“ teilt.
Dr. S. spricht mit Jonathan. Jonathan ist ein etwa 8-10 jähriger blasser Junge. Seine Haare sind auffällig, an den Seiten und auch am Hinterkopf kurz geschoren, abgesehen von einem Zopf mit beinahe hüftlangen Haaren. Neben ihm liegt ein Stofftier, ein Greifvogel, sieht mir nach einem Geier aus. S. fragt ihn und seine Mutter, die neben ihm sitzt, ob er denn im Greifvogelpark gewesen sei. Die Mutter bejaht, dort gebe es die beste Flugshow überhaupt. Aber ich bekomme das Gespräch durch das Gepiepe der ganzen Geräte und das Scheppern von Instrumenenschalen etc. nur halb mit. Es scheint, als ob es das Gesprächsthema der gemeinsamen Begeisterung für Greifvögel bereits bei einem letzten Treffen gegeben hätte. S. erzählt, dass er selbst sich gerne Plüschtiere kaufe, weil er von seinen eigenen Eltern keine bekommen habe. Ich stelle mir diesen kleinen rothaarigen Mann mit dem knabenhaften Körper vor, wie er unten auf dem Klinikparkplatz in den seinen Porsche 911 steigt. Auf der Rückbank sitzt die ganze Versammlung von Plüsch-Greifvögeln, ein Adler, ein Falke, eine Eule…
Am Nachmittag fahren mich meine Eltern mit dem Rollstuhl über das Kopfsteinpflaster der Bayreuther Altstadt zum Eiscafé. Gerade als wir auf dem von der späten Nachmittagssonne beschienenen Platz ankommen, stehen zwei alte Damen, die beide am Stock gehen auf, und geben einen Platz frei. Ich komme langsam an einen Punkt, an dem diese Situationen: mit dem Rollstuhl in der Öffentlichkeit nicht mehr nur ein Gefühl von Trauer auslösen. Ich kann die Sonne und das Treiben schon auch geniessen. Alle anderen Tische sind belegt. Ich bleibe zunächst im Rollstuhl, den ich nahe an den Tisch heranschiebe sitzen. Am Nebentisch sitzt eine Oma mit ihrem Enkel (vermute ich). Der etwas mollige junge Mann mit einigen Pickeln und einem ungepflegt wirkenden stoppeligen Bart, wie ihn sehr junge Männer haben trägt einen grauen Trainingsanzug und löffelt Eis aus einem gigantischen Früchtebecher. Seine Oma sitzt mit rundem Rücken und isst ein kleines Eis. Sie trägt eine Bauchtasche, die sie mit der freien Hand zusätzlich festhält. Ihr Enkel geniesst sein Eis und unterhält sich im Dialekt mit seiner Oma über Leute der Verwandtschaft. Wir bestellen ebenfalls kleinere oder größere Eisbecher. Unser Gespräch beginnt naheliegenderweise mit Richard Wagner. Mein Vater bringt erstaunliches Detailwissen hervor und ich erinnere mich, dass er ja auch einmal Musikwissenschaft studiert hat. Ich erzähle ein paar Erlebnisse aus der Oper in Wien. Er berichtet, dass er als Architekturstudent als „Wahlfach“ im Richard Wagner Chor der FH gesunden habe, außerdem neben einem stimmgewaltigen Jugendfreund meiner Eltern im Münchner Gospel-Chor. Bevor er an der Jazz-Schule studierte, habe er (wie ich schon wusste) intensiv und beinahe fertig Musikwissenschaften studiert und viele Kurse zu Richard Wagner besucht, aber auch zu indischer und arabischer Musik, die er transkribieren musste. Er sei erst kürzlich wieder auf die Details dieser Studienzeit gestoßen, als er für seinen Rentenantrag Unterlagen diese Zeit betreffend gesucht habe. Zu dieser Zeit habe er als Hilfsschreiner für den Hans Löffelmann gearbeitet. Dieser hatte damals mit seiner jungen Familie, Frau und drei Kinder, in einem Haus bei Simbach, weit abseits der Ortschaft idyllisch an einem Bach, an einem Hang im Wald gelegen gewohnt. Dort hat er sich seine Werkstatt eingerichtet und mit primitiven Mitteln komplexe Schreineraufträge, wie etwa große Segmentfenster und Portale mit Rundbögen (Scheppach Heimwerkerfräse) bearbeitet. Auch dieses Haus sei, wie es typisch für den Hans ist, voll von seinen genialen begonnenen und wieder aufgebenen Projekten (eine Ziegelfassade…) gewesen. Aber mit den drei Kindern (der Florian schrie den ganzen Tag) sei es so weit abseits jeder Ortschaft so umständlich gewesen, dass es der Frau gereicht habe, und sie seien nach Töging gezogen. Der Hans war schon immer künstlerisch sehr geschickt, erzählt mein Vater. Als 15 jähriger war er schon einmal bei ihm in seinem Zimmer, das total genial ausgemalt gewesen sei. Der Hans habe auch ein Plattencover für den Topsi gezeichnet, für eine super Platte (tolle Aufnahmen), die aber nie erschienen sei. Der Hans erinnert mich ein bisschen an meine Tausendsasserei, nur dass er viel produktiver war. Der Hans hat nichts Manisches, finde ich, aber vielleicht gewisse ADHS Eigenschaften
Ich versuche diesen Gesprächsfaden über diese Szenerie weiterzuverfolgen. Es ergibt sich dadurch für mich ein deutlicheres Bild der Kreise, in der mein Vater (und seine Schwestern) ihre Jugend verbracht haben, mitsamt der Ideale und Lebensstilen.
Der Topsi sei ein problematischer Charakter gewesen. Das sei der Hauptgrund warum seine musikalischen Projekte oft im Sande verlaufen seien. Einmal habe er aus Eifersucht die Reifen am Wagen einer Freundin aufgestochen und den Wagen in einem Flüsschen versenkt. Auch auf die Schwester vom Ernstl, die Elfi in Canada, sei er gestanden. Er sei wie viele die damals nach Berlin gingen, relativ früh gestorben. Die meisten an Drogen. Er habe schon als 16 Jähriger Kette geraucht. Einmal habe der Topsi ein musikalisches Projekt einfach fallen gelassen, aus Eifersucht, weil seine Freudin Nando auch bei einer zweiten Band Keyboard spielte. Er habe aus Rache ihren Synthesizer zerlegt. In Einzelteile. Ich bringe das Gespräch auf den Ernstl. Ich erfahre wenig Neues, außer dass er eine Zeit lang sehr viel gereist sei, Mexiko, Türkei, USA, Kanada. Irgendwann sein er dann mit einem gewissen Joseph zusammengezogen, da habe es mit den paranoiden Denkschleifen begonnen. Vielleicht auch eine Drogenpsychose. Ernstls Vater kam erst in den 50er Jahren aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück und warf sich später vor einen Zug.
Am Abend essen wir gemeinsam in der Wohnküche der Ferienwohnung. Ich bringe irgendwann einige meiner größenwahnsinnigen Gedanken vom Kaufen irgendwelcher auf Instagram angebotenen Schlösser in das Gespräch ein (kaum verschlüsselt) und zeige meinem Vater Beispiele gelungener Architektur. Meine Eltern werden dann schnell wieder grundsätzlich was eigene Bau-Pläne betrifft und kommen schließlich wieder auf die Einsicht zurück, dass sie mit dem, was sie haben sehr zufrieden seien. Schließlich bedauert meine Mutter den Verlust des Kube-Hauses in Waldkraiburg. In den Details, wie das Erbe des alten Kube aufgeteilt wurde, wird deutlich, dass hier eine Familie an der Grenze zu sozialen Aufstieg knapp gescheitert ist. Meine Urgroßmutter Irma heiratete in zweiter Ehe (für beide) Fritz Kube, der als Möbelunternehmer in Waldkraiburg ein kleines Imperium aufgebaut hatte. Das heisst eigentlich sei dieses Wachstum vor allem durch die Unterstzützung seienr zweiten Frau, meiner Uroma, möglich gewesen. Ich halte das, soweit ich diese Frau gekannt habe, durchaus für plausibel. Zu seinem Besitz gehörten zwei große Wohnblöcke, ein weiteres Mehrfamilienhaus, die Firmengebäude und die kleine Villa auf dem Hügel im Stadtparkt, wo meine Mutter schöne Kindheitstage verlebt hatte. Der Fritz Kube habe sich geweigert zu Lebzeiten ein Testament zu machen, das meine Uroma über den Pflichtteil hinaus begünstigt hätte. Er starb schließlich plötzlich beim Bau der Reihenhäuser (wo jetzt meine Großeltern wohnen) an einem Herzinfarkt. Und der weitaus größte Teil des Erbes ging an seinen Sohn Udo aus erster Ehe. Schließlich kam es zum Bruch, und zwar so: meine Uroma habe für Udo weiterhin Steuer und Unternehmensverwaltung übernommen. Ein kleinlicher Streit über die Mehrwertsteuer eskalierte schließlich, weil Uromas Schwester Lotte diese gegen Udo aufgehetzt habe. „Stell im doch sein Zeug vor die Tür!“. So wurde es dann gemacht. Daraufhin habe dieser die Badesachen aus dem Poolhaus geholt und wiederum den Tschinkels vor die Tür geworfen. Außerdem heisst es habe mein Opa Dieter diesen Udo bei einer darauf folgenden Konfrontation geschlagen. Udo habe in seinem Testament beinahe das gesamte Vermögen (die Wohnblöcke etc.) von einem Wert vermutlich weit über 10 Millionen Euro an einen Lebenspartner vermacht, so wie kleine Teile an Tante Liane.
Meine Mutter trauert den Erinnerungen an dieses Haus nach. Es ist tatsächlich davon rein gar nichts geblieben. Selbst der Hügel wurde eingeebnet. Heute steht dort ein neuer Wohnkomplex.
24.04.
Irgendwie angenehmes Nieselwetter. Kühl, aber nicht schlimm. Wir fahren mit dem Auto hinaus zum Schloss Eremitage. Meine Eltern schieben mich im Rollstuhl über die Kieswege der Parkanlage aus dem 18. Jahrhundert.
Wir unternehmen eine Führung. Die Führerin ist eine schlanke Frau, Anfang/Mitte vierzig, dem Akzent nach nicht aus der Gegend. Sie hat kurz schwarze Haare mit grauen Schläfen, volle Lippen, ein jugendliches Gesicht, nur die Augenpartie wirkt schon etwas verlebt. Sie trägt einen dünnen schwarzen Ledermantel, auch darunter nur schwarz, einen auffälligen Ring mit einem großen silbernen Teller appliziert, der einen Mond darzustellen scheint und recht unpraktisch wirkt. Aus der Nähe riecht sie nach Zigarettenrauch. In ihrer Führung entwickelt sie ein lebhaftes Bild vor allem der Wilhemine von Bayreuth. Ich sehe in ihren durchaus ambitionierten Zugängen jemanden, eine Frau, die vermutlich Geschichte studiert hat. Dabei ist ihr lebhaft kritisches Bild der eitlen Wilhemine ziemlich von persönlichen Sympathien geprägt, wie es scheint. Ich stelle mir vor, dass nicht nur Wilhemine vom urbanen Berlin, vom Königshof, ins Exil der Provinz nach Bayreuth verpflanzt wurde, sondern auch diese Historikerin (einmal passiert ihr ein Lapsus, sie sagt Brandenburg statt Bayreuth). Noch vor der Führung habe ich mir im Shop, wie die mutmassliche Historikerin mich bediente, die Memoiren der Wilhemine im Insel Taschebuch gekauft und sie hatte mich vor dieser Lektüre gewarnt.
Das Schloß Eremitage wurde von Wilhemine als Sommerresidenz und insbesondere zu sogenannte Eremitenspielen genutzt. Dabei wurde eine Anzahl von gestern zum Spiel der Einkehr durch die Kellergrotte ins Schloss geführt, wo man einige Tage in gespielter Einkehr in „Möchszellen“ verbrachte und dem höfischen Protokoll enfliehen konnte – letztlich müsse man sich das aber auch als eine höfische Vergnügungssparte unter vielen vorstellen.
Bemerkenswert: das Musikzimmer mit der Freundschafts/Schönheitsgalerie: einer Reihe von Porträts besonders schöner (dem zeitgenössischen Ideal entsprechend) Hofdamen. Es wirkt „warholesk“ auf mich.
Anschliessend nehmen wir im Cafe der Orangerie Kaffee und Kuchen zu uns.
25.04.
Behandlung und Rückfahrt nach Töging. Am Abend ein Telefonat mit Katharina.
26.04.
Das erste Mal seit Monaten setze ich mich ans Klavier und versuche Bob Dylans Songs zu spielen und nuschelsinge den Text dazu: Ballad of a thin man, Blind Willie McTell. Irgendwie löst das in den unfreiwilligen Zuhörern etwas aus – ich glaube Peinlichkeit und Fremdscham.
27.04.
Die Müdigkeit und Zustände fühlen sich nicht nach einem Fortschritt an. Aber ich bin sicher der kommt noch!
29.04.
Wieder leichte Depressionszustände, ist das ein Crash?
02.05.
Morgens sommerliches Wetter. Ich frühstücke mit der Mama auf dem Balkon. Wir unterhalten uns gut und persönlich.
04.05.
Am Donnerstag besuchte ich Stephan und seine Familie. Alex holte mich im blauen Skoda ab. Im Kindersitz hinten saß das Töchterchen Lucia, 4 Jahre alt, die gleich mit mir zu plaudern begann. Während der Fahrt schläft sie ein, weil Alex und ich wieder einmal über meine Krankheit sprechen. Die Stockers sitzen bereits mit Susi und den Kindern (Linus von Susi und Alex, Clara und Josefine von Stephan und Heidi) auf der sonnigen Terrasse.
12.05.
Wieder einen sehr lebhaften Traum und wieder handelt er von einem Musikfestival: Rock im Park. Ich stelle im Traum fest, dass ich hier schon einmal war, viel früher, und es ist als ob ich zu einer späteren Generation, meinen Schülern oder meinen Kindern spreche, wenn ich sage: früher war das viel größer, viel mehr Leute, hier dieser ganze Park war voll von Leuten.
Der Traum wandelt sich aber mehrmals hin und her, zwischen dieser Perspektive und einer, in der ich jung bin, oder eine ganz andere junge Person bin. So als würde ich im Traum schreiben. In dieser Geschichte ist alles wieder sehr körperlich aufgeladen, der weibliche Körper und verschiedene Frauen spielen eine Rolle, deren Weiblichkeit ich irgendwie bewundere.
Es passiert wohl im Kern dann Folgendes, sehr drastisch, wie es für meine Träume oder wahrscheinlich Träume im Allgemeinen typisch ist: eine der Frauen wird von „uns“ inflagranti beim Sex ertappt mit einem Mann, der offenbar fast noch ein Kind ist. Das ist für sie sehr kompromittierend. Als Reaktion sticht sie mit einem Messer auf eines der anderen Mädchen aus der Gruppe, die das gesehen hat, ein, offenbar um zu vermeiden, dass sie das Gesehene weitererzählt. Dass „wir“ es auch gesehen haben, spielt offenbar keine Rolle. Wir versuchen das verletzte Mädchen zu retten. Ich bin zunächst der Meinung, dass ich mein Bestes gegeben habe, indem ich die Wunde, aus der das Blut sprudelt, fest zudrücke. Später zeigt man mir ein Video, worauf zu sehen ist, dass wir alle, mich eingeschlossen, versagt haben, dass wir falsch oder gar nicht gehandelt haben. Schließlich fahren Polizeimannschaftswagen auf das Gelände und es ist mir nicht klar, ob sie die Täterin suchen, mit der wir uns irgendwie genauso solidarisieren wie mit dem Opfer, oder ob sie uns suchen, weil wir bei der Hilfeleistung strafbar versagt haben.
15.05.
Gestern Abend war ich mit K. im Apollo-Kino. Wir sahen „Meister und Margarita“, eine russische Produktion, die bereits 2021 abgedreht war, aber 2023 in einem neuen zeitgeschichtlichen Kontext (der Kriegsmobilisierung) in die Kinos kam, und eine gegenwartsbezogene Bedeutung entfaltete. Bulgakow schrieb den Roman, als er mehr oder weniger im Sterben lag. Die Thematik der durch Leid und Endlichkeit vereitelten Liebe spricht in einigen eindeutigen Sätzen über Katharinas und meine Situation. Einige der Dialogsätze sind genau so zwischen uns gefallen. Als der Meister erkennt, dass er verloren sei, will er von Margarita, dass sie ihn vergisst. Margarita wünscht sich von Woland, dass alles so wie früher werde. Woland sagt ihr, dass nichts mehr so wie früher werden könne, aber man werde sehen, was kommt: und der Meister erscheint. Der sterbende Autor mobilisiert hier die Fantasie, das Bewusstsein, dass es anders sein könne, als jenseitige Macht, gegen das drohende eigene Ende. Der Film ist oft ungünstig synchronisiert. Dennoch sind die Darsteller offensichtlich grandios. August Diehl ist für die Rolle des Woland wie geschaffen. Mich beeindruckt auch die körperliche Präsenz von Claes Bang. Überhaupt ist der Film voller Körperlichkeit, was gute Schauspieler ja erreichen können.
Bulgakow hat in gewisser Weise eine wunderbare Lösung gefunden über die eigene Trauer um sich selbst zu schreiben und den Verlust einer Liebe durch die Endlichkeit des Lebens ohne zu selbstbezogen zu werden, während er seiner emotionalen Motivation eine allgemeinere Bedeutung abgewinnt, einen politische Bedeutung erschafft – und das noch mit satirischer Schärfe und Charme, das heißt Leichtigkeit in der dramatischen Schwere.
Ich überlege, welches Szenario sich mir für meine eigenes, nämlich dasselbe Thema, bietet:
Die Psychiatrie: aber die psychische Krankheit verhindert die Liebe an anderer Stelle: an der des Bewusstseins, veränert die Liebe selbst. Sie ist nicht bloß ein äußerer Umstand. Es könnte natürlich eine falsche Diagnose sein. Die Beziehung könnte zwischen Arzt und Patientin oder Ärztin und Patient stattfinden. (ein attraktiver Paranoiker).
Das Gefängnis, die Todesstrafe: die Liebe zu einem Verurteilten, einer Verurteilten. (der Unrechtstaat? Der Rechtstaat?)
Die Geisel: Liebe zwischen Geiselnehmer und Geisel
Liebe zu einem Verfolgten/einer Verfolgten
Die Tod bringende Krankheit, die rätselhafte Krankheit
Vorgestern habe ich wieder eine Krise mit Katharina provoziert. Es prallen offenbar zwei Reflexe aufeinander: mich belasteten die verschiedenen Ablehnungsbriefe und ich steigerte mich in eine allumfassende Klage. Katharina reagierte mit ihren Ausdrücken der Empathielosigkeit und warf mir vor sie absichtlich zu belasten. Ich sehe ein, dass ich mehr Disziplin aufbringen muss. Und ich verstehe, dass sie nicht gefühllos ist, sondern dass das Gefühl sie so sehr schmerzt, dass sie eine ablehnende Reaktion zeigt, ein Abwehrmechanismus vielleicht. Sie wirft mir vor, ich suche zwanghaft die Anerkennung meiner Krankheit. Es stimmt, ich suche danach, aber ist das Bedürfnis nach einer Anerkennung dessen was ist, eine Obsession?
Aber ich kann jetzt sehen, dass ich etwas provoziere, dass ich etwas von Katharina fordere in solchen Situation, etwas, von dem ich mittlerweile wissen müsste, dass sie es mir nicht geben kann.
Heute Nacht hatte ich einen detaillierten Traum über Jugend. Es geht um die Jugend in einem Banlieu, Ghetto, Außenbezirk. Es geht um die Jugend von Benjamin Kiu und seinen Freunden, ich bin nur beobachter. Ich nehme dieses „Thema“ explizit war, es geht um eine Jugend der Kreativität, der aus ihr heraus entstehenden Songs und Geschichte, die ich authentisch nicht mehr erleben kann. Der Traum erklärt mir, wie diese zu Stande kamen.
Ich fliege wieder, fliege wie ein Flugzeug (in einem Traum bin ich tatsächlich eine Boeing 747) über Wälder und Länder der Welt, ich fliege über Gebiete (in Afrika) wo ich höher fliegen muss, da mich Gruppen die dort leben, bejagen wollen. Im heutigen Traum aber fliege ich in den Urlaub, ich fliege über Flüsse, in Flusstälern, unter Brücken, wo Menschen im Fluss baden hindurch und lande schließlich auf „St. Kitts“ einem bewaldeten Archipel in einem Ferienressort, in dem eine Frau arbeitet ganz wie Laura.
Vorgestern ein Traum über die Hochzeitsfeier meines Bruders: ich sollte mich um etwas kümmern, ich glaube um die Ringe, und habe versagt.
01.06.25
Die Fassade des Zinshauses in der Webgasse wirkt sehr vernachlässigt. Aber hinter dem Hoftor verbirgt sich ein nach allen Regeln der Investorenästhetik renoviertes Haus, helle Fließen, Glas, frische Wände. Der übergepflegte Hof mit frisch gemähtem Rasen, der von einem Natursteinweg entlang der Mauern eingefasst ist. Eine junges Pflänzchen müht sich ein weißes Spalier empor, um die frisch gestrichenen und isolierten Brandmauern zu begrünen. Mit weißen Tischtüchern eingedeckte Partytische präsentieren Pappteller und eine bunte Geburstagstorte, an dem Baumarkt-Gartenmobiliar sind bunte mit Helium gefüllte Luftballons befestigt. Eine beschäftigte Mutter eilt unschlüssig zwischen zahlreichen Kindern und ihren Eltern hin und her, man scheint auf jemanden zu warten. Das ich durch die Glastöre nichts hören kann, ist das eine stumme irgendwie entrückte Szenerie.
Ich wende mich nach rechts und finde dort den erhofften Aufzug in einer Nische und drücke auf den Rufknopf. Call gesperrt erscheint an der Leuchtanzeige über dem Einlass und sehe sofort, dass es ein Schloss mit einem Schlüsselloch gibt. Ich wähle die Nummer der Ordination. Die Frau, oder vielmehr das Mädchen, wie sich herausstellen wird, ist nicht zu verstehen, oder kaum. Es wird aber klar, dass sie auch keinen Schlüssel für den Aufzug zur Verfügung hat, sie bietet mir an herunterzukommen. Es gelint mir nicht ihr zu erklären, dass ich nicht sehen könne, wie mir das helfen würde. Also kommt sie herunter – eine Mädchen von höchstens 16 Jahren, die aber auch 12 sein könnte, sehr schlank und beinahe kindlich, in einer strahlendweißen Bluse über dunkler Haut. Ich erkläre ihr meinen Zustand, und sie mir, dass es nur zwei Treppen seien. Sie bietet mir an meinen Roller zu tragen. Ich willige unsicher ein. Sehr langsam gehe ich die Treppe hinauf, sie hinter mir mit dem 20 Kilo schweren Gerät, sie müht sich damit und dabei mir nicht zu zeigen wie anstrengend es ist. Am Treppenabsatz des ersten Stockes begegnet uns eine Dame, die dergleichen Anblicke offenbar gewohnt ist, Tatsache wie ich kurze Zeit später erfahren sollte. Mitgefühl äußert sie mit der zerbrechlich aussehenden Ordinationshelferin, ob ihr denn keiner helfe? Die Praxis wirkt zunächst ausgestorben, weitere sehr jung wirkende Damen sind mehr oder weniger mit irgendwas beschäftigt. Es gibt keinen Empfang nur einen sehr kleinen Warteraum. Als ich dort Platz nehme, ohne dass man mich dazu aufgefordert hätte, schließt eine der Helferinnen die zuvor offen stehende doppelflüglige Altbautür, die offenbar in die Behandlungsräume führt. Einen Spalt lässt sie offenbar, um mich im Blick zu behalten. Die Behandlungsräume, Regale mit Gebissabdrücken, Anrichten und Vorbereitung, eine Ecke mit einem großen Schreibtisch, Röntgen, sind, wie sich schließlich herausstellt eigentlich nur ein einziger Raum, der mit grau lackierten hölzernen Paravents unterteilt ist. Die Ärztin, Dr. Lechner, bewegt sich, von einer weißen Wolke der vier Helferinnen (die weit entfernt davon etwas zu bewirken mit dem Ausdruck bodenlosen Unverständnisses den Handgriffen ihrer Chefin folgen) gefolgt auf knarzendem Parkett zwischen den beiden Behandlungsstühlen, auf denen jeweils ein Patient placiert wurd, hin und her, so dass man dessen Bearbeitung und die Gespräche mit dem jeweils anderen Patienten mitbekommt.
Als ich auf dem altmodischen Stuhl Platz genommen habe werde ich sofort gefragt, „was ich denn habe“, da man ihr offenbar bereits von meinen Schwierigkeiten mit dem Treppensteigen berichtet hat. „Ach Gott stöhnt sie mit ehrlichem Mitgefühl und lehnt sich, bereit für eine Plauderei gegen ein Heizungsrohr an der Wand hinter ihr.
Die Sache mit dem Aufzug, ich sollte später mehr darüber erfahren,s ei bereits bei Gericht.
Sie habe die Facharztausbildung zur Zahnärztin erst später gemacht, sei zunächst lange Allgemeinmedizinerin gewesen.
Ihr Mann habe ein Glyoblastom. Vor sieben Jahren wurde die Diagnose gestellt. Lange habe er um Invalidenrente und Anerkennung kämpfen müssen, was beinahe unglaublich wirkt, angesichts dieser härtesten aller Diagnosen. Die Summen, die sie für Behandlungen und Operationen selbst habe aufbringen müssen, addiere sie schon seit langem nicht mehr. Er sei ein Mann von 120 Kilo gewesen, ein Maschineningenieur, der über 20 Jahre lang 8000Euro Brutto und 4000 Netto verdient habe und den größten Batzen der Abgaben sei den Krankenkassen zugeflossen, die nun seine Behandlungen nicht zahlen wollen. Sie erzählt mir diese Geschichte, während die dickste der Helferinnen „ganz liebevoll“ ein paar „wunderbar genaue“ Röntgenaufnahmen von mir macht. Das spartanische Gerät, das ohne jeglichen Schutzschirm im Zimmer steht, hat keine Auflagevorrichtung. So dass ich die Fotoplättchen selbst mit dem Zeigefinger, gegen Gaumen und Kiefer drücken muss.
Das Problem mit dem Aufzug sei, dass dem neuen Eigentümer des Hauses, der es renoviert habe, die Ordination ein Dorn im Auge sei. Sie sei eine Altmieterin mit einem günstigen alten Mietvertrag, „ich zahl 1200€ ich sag wies ist.“ Sie könne aber ihre Kassenarztpraxis bei einem Auszug nicht mitnehmen, da diese auf den Standort festgelegt sei. Deshalb gebe es jetzt ein Gerichtsverfahren an dem auch die Ärztekammer beteiligt sei. Abgesehen davon sei sie jetzt 55 Jahre alt und habe keine Lust mehr woanders neu anzufangen. Sie habe einst über 400000€ in die Ordination gesteckt.
Als ich den Behandlungsraum verlasse blicke ich in die erstaunten Gesichter von etwa zehn Personen jeden Alters, die nun das Wartezimmer bevölkern. Sie sehen mich an als wüssten sie, dass sie hier auf das Ende meiner Plauderei mit der Ärztin gewartet haben.
Bela Tarr, Laszlo Krasnahorkay: Satanstango, Werkmeister Harmonies: der abstruse Zirkus mit ausgestopftem Wal und einem „mysteriösen Prinzen“, Christopher Walken war Löwendompteur.
1981 arbeitete Christopher Walken zusammen mit Natalie Wood an dem 1983 erschienenen Film Projekt Brainstorm. Bei einem Segelausflug mit ihrem Ehemann Robert Wagner und ihrem Filmpartner Walken kam Natalie Wood im Alter von 43 Jahren aus bisher ungeklärten Gründen zu Tode
Gunther Gebel-Williams – Wikipedia
Woody Harrelsons Vater, der Beschreibung des Sohnes zufolge ein äußerst kultivierter, belesener Mann, arbeitete als Auftragskiller und ermordete einen Bundesrichter, wofür er zu zweimal lebenslänglich verurteilt wurde
06.06.2025
Ich fuhr am Vortag zu meinem Psychotherapeuten. Ich nahm dazu meinen E-Scooter und fuhr damit bis zum Einkaufszentrum in der Mariahilferstraße und bestellte von dort ein Uber. Der Fahrer half mir etwas zögerlich den Roller in seinen Kofferraum zu verladen. Nach einem etwas verregneten Frühling, war es plötzlich sehr heiß geworden – das passiert ja notwendigerweise plötzlich, der Moment in dem man zum ersten Mal schwitzt, die Hitze zwischen den Mauern und über dem Asphalt der Stadt unerträglich findet verleitet einfach dazu das Kontinuum des Temperaturanstiegs seit, sagen wir Januar zu übersehen und nun endgültig das Eintreffen des Sommers zu konstatieren. Die Fenster des Wagens waren alle heruntergelassen, beim Spurwechsel auf dem Ring, konnte sich der Fahrer so bequem von einem Kollegen anpöbeln lassen: „Wieviel Spuren brauchst?“ „Drei“, antwortete er schlagfertig. Während wir an den Ampeln warteten, trank er über einen Strohalm aus einer Art Thermoskanne und hustete. Die Praxis des Psychotherapeuten liegt in der Schreygasse, einer kleinen Nebengasse unweit des Augartens und Karmelitermarktes, im zeimlich angesagten und von bürgerlich-studentischem Volk belebten Teil des zweiten Bezirks . Die Hollandstraße begrenzt diesen Teil im Nordosten. Die Praxis liegt im Erdgeschoss, eigentlich eher ein Mezzanin mit der Fensterkante von der Straße aus über Augenhöhe. Das Haus wirkt jung saniert, sogar ein neues aufwendiges Holzportal hat man sich geleistet. Ich versuche zunächst den Roller im Fahrradhof abzustellen, doch dann bitte ich doch den Therapeuten Dr. Weilbuchner, ein zierlicher Mann etwa meiner Größe und vermutlich etwas jünger, mir beim Herauftragen des Geräts in seine Praxis behilflich zu sein.
Ich erzähle davon, wie ich am Vortag und am Vormittag versucht hatte ein Video für meine Schüler aufzunehmen.
Tatsächlich war da das Gefühl einer Niederlage, das sich durch die gesamte Wahrnehmung meiner Krankheit zieht. Etwas musste ich im Leben grundlegend falsch gemacht haben.
Sehr viel später, nachdem dieser Gedanke schon vielfach durchdacht und schlussendlich abgelehnt wurde, lese ich ein Zitat von Aubryet (La maladie a Paris):
Mal wieder eins dieser schönen Paradoxe: die Präsenz von Krankheit und Handicap in einem bestimmten Diskurs und unser habit Krankheit und Armut zu individuellen Niederlagen zu machen. Es ist nicht schwer zu sehen, dass das eine die Folge des anderen sein könnte. Schnell wird das Gebrechen eine Möglichkeit sich unerfüllbaren Leistungsanforderungen (oder vielmehr Erfolgsanforderungen, was ja nicht das gleiche ist) zu entziehen – und fast gleichschnell checken wir das natürlich auch und die Stigmatisierung beginnt von vorne. Wir haben gelernt und sind dazu gezwungen (was das zwingen hier bedeutet und woher der Zwang kommt, schwierig) unsere Intimität unser privates Erleben zu vermarkten. Alles an unserem Leben ist vermarktbar geworden, muss aber kapitalisiert werden, und dann eben auch privates Leid. Es gilt eben auch da: wer nicht öffentlich existiert oder eben leidet, existiert nicht oder leidet nicht.
Vermarktung des privaten Leids, überhaupt alles Privaten (wie ich es ja hier auch auf eine Art betreibe) hat dazu geführt, dass sich ein mainstreamiger Diskurs um Sensibilität und Rücksicht entwickelte, z.B. gegenüber psychischen Krankheiten. Sehr zynisch gesagt: gehört es nicht ein wenig zum guten Ton in einem bestimmten Gesellschaftssegment eine Leidensgeschichte eine Geschichte der Marginalisierung erzählen zu können? Hat nicht eine vergleichsweise breiter Teil der Öffentlichkeit gelernt mit rücksichtsvoller Sensibilität auf Depression, ADHS, Autismus etc. zu reagieren oder zumindest gewisse Rücksichtsfloskeln und Verständnisposen draufzuhaben? Und doch- geben wir es zu, blicken wir nicht nur mit Mitleid, sondern auch mit Verachtung und Neid auf die Kranken und Leidenden. Verachtung, weil sie sich aus dem Rennen verabschiedet haben und Neid, weil sie aus ihrem „Versagen“ noch Individualität, Unverwechselbarkeit und Authentizität gewinnen können, während wir Gesunden in einer amorphen Masse untergehen.
29.12.2025
Die Weihnachtsfeiertage haben wir bei K.’s Mutter im Südburgenland verbracht.
Heute morgen fühlte ich mich nach einer sehr unruhigen Nacht nicht gut. Normalerweise stehe ich an Tagen, an denen sie frei hat, vor K. auf. Heute kam ich nicht hoch. Ich wusste, dass das ein schwieriger Tag werden würde. Ich bleibe dann lieber länger liegen, da das ja ohnehin dass sein wird, was ich den ganzen Tag mache. Ich nutze dann lieber das bisschen übriger Restschläfrigkeit um noch einmal ein wenig wegzudriften oder ein paar hängen gebliebene Traumfetzen einzufangen und festzuhalten, um diese Bilder und Stimmungen und sehr anschaulichen tiefen Ängste besser verstehen zu lernen. Eine Art philosophische Trance oder ein philosophsiches Träumen sozusagen. Es gelang heute nicht wirklich. Als K. mit einer Lourdes-Merchandise Tasse voll dampfendem Kaffee heraufkam (mir hatte sie wie immer keinen mitgebracht) stand ich schließlich doch auf. Zog mir erst Socken und Hose an. Hatte das Gefühl wieder mal ziemlich zu müffeln, schon seit drei Tagen keine Dusche mehr geschafft. Nahm meine Tabletten, jeweils einzeln aus den Verpackungen und Apothekergläsern, die ich auf einem leeren Bücherregal in K.’s altem Jugendzimmer abgestellt hatte.Säuberte das Katzenklo. Dann eigene Katzenwäsche im Bad. Schließlich ging ich hinunter, wo ich den etwas altersmüden Hund Bruno streichelte, der gerade sein Schläfchen auf den Fliesen im Hausflur hielt. Hansi saß wie meistens mit der Lesbrille auf der Nase und einem Kugelschreiber bewaffnet am Küchenbüffet und brütete unter seiner ultrahellen Leselampe (er hat ein Augenleiden) über einem seiner Kreuzworträtsel. Er lud mich auf die muntere Burgenländische Art betont herzlich ein mir Brot zu nehmen. Und Honig. Er schieb mir das riesige Honigglas mit verführerischem goldenem Honig hin. „Der ist von einem Bekannten aus Wolfau,“ erzählt er. Hansi hat zu jedem Ding eine Story parat. Der macht jedes Jahr tausende Kilo. Tausende Kilo macht er, wiederholt er im typischen Hansi-Duktus, der seine vielen Zuhörer zuverlässig zum Schmunzeln bringt.
Es ist jetzt der zweite Jahreswechsel, den ich in meinem neuen ungewollten Leben zubringe. Wenn ich ein wenig durch meine Einträge blättere, und mir die Veränderung meiner Zustände, Grenzen und Möglichkeiten über die gut eineinhalb Jahre Krankheit vergegenwärtige, dann muss ich unter dem Strich feststellen, dass die Netto-Verbesserung zwar vorhanden, aber nicht beträchtlich ist. Ich denke, dass ein wesentlicher Teil der wiedergewonnenen Lebensqualität der psychischen Anpassung und ein wenig auch ein wenig darauf zurückzuführen ist, dass ich besser geworden bin im Pacing.
30.12.2025
Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren arbeitsunfähig krank, habe die Diagnose ME/CFS unabhängig voneinander von zwei Fachärzten erhalten und verschiedene Fachärztliche Attests. Nachdem die Krankenversicherung diese Unterlagen jetzt für einige Monate problemlos anerkannt hat, fordert sie jetzt in einem Schreiben ein „hausärztliches Gutachten über Therapie und Verlauf der Erkrankung“. Mein Hausarzt, so wie die allermeisten niedergelassenen Kassenärzte in Österreich, weiß über die Erkrankung nur das, was er über Medien aufgeschnappt hat. Ein Bedürfnis zur Weiterbildung oder Recherche scheinen die wenigsten zu haben. Es macht das zynische aus diesem Dokumente-Nachforderungs-Spielchen, dass ich mit verschiedenen Kassen andauernd zu spielen habe aus, dass ständig der Nachweis erbracht werden soll, dass ich Therapien unternehme, die es aber aus der Sicht der Krankenkasse gar nicht gibt: denn andererseits übernimmt die Kasse die Kosten für die von unternommenen Therapieversuche nicht.
Heute also wieder drei Emails geschrieben: Hausarzt und Fachärzte wegen Attest.
Von drei Personen bei der BVAE weiterverbunden worden, angeschnauzt worden, dass das eben ihr gutes Recht sei Gutachten einzufordern etc….dann 27 Minuten in der Warteschleife des angeblich zuständigen Gutachters verbracht. Aufgelegt. Keinen Bock mehr.
Als am Nachmittag wieder gar nichts mehr geht, hänge ich mich an das Sauerstoffgerät und sehe mir „The Mastermind“ von Kelly Reichhardt mit Josh O’Connor im Stream an.
Ich hatte mehr so eine Art Gangster-Film, Thriller oder so erwartet. Aber es ist viel mehr eine Art Studie über einen Mann und das Looser-Winner Thema, das für die berühmte amerikanische Seele so wichtig ist. Die Hauptfigur ist ein „Art-School-Drop-Out“, der in Zeiten der Vietnam-Proteste um das Jahr 68 und der Hippie-Bewegung, der sein Freundeskreis durchaus zuzurechnen ist, eine bürgerliche Eher führt. Frau, zwei Jungs. Die Frau scheint das Geld zu verdienen, da er ja, nichts auf die Reihe kriegt. Für Day-Job ist er sich zu gut, wie in nur einem Satz an sein Vater deutlich wird. Der ist ein dominanter stadtbekannter Richter. Stadt heißt hier, Kleinstadt in Masssachussetts mit Ivy-League-Vibes. Immer wieder wird der Backsteinmodernismus a la Kahn und van der Rohe ins Bild gerückt, goldenes Herbstlaub weht über die Campusmauern und Klinkerwege. Ich sehe auch eine Vater-Sohn-Geschichte, dominanter Vater, der auf allen Gebieten reüssiert, Sohn der an dessen und seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Aber all das ist nur angedeutet, ausreichend angedeutet, schön gezeichnet. Josh alias J.B. versucht sich mit dem einen Coup zu retten, mit dem einen riskanten Streich (dem Diebstahl von wertvollen Gemälden aus dem örtlichen Museum) sich aus dem Sumpf seines Scheiterns zu ziehen, alles was falsch war richtig zu stellen, back on tracks zu kommen. Stattdessen wird er zum gesuchten Straftäter, zum Drifter, der allen Gegenbeweisen zum trotz erst dann den Offenbarungseid leistet und sein Scheitern auf ganzer Linie eingesteht als es viel zu spät ist.
In dieser Art von feingezeichneten Studie, die auf unsere Gegenwart mit ihren Leistungs – und vor allem Geltungsansprüchen genausoviel erzählt wie über die Zeit der Krise amerikansicher Bürgerlichkeit in den 60ern, kann man sich, und das ist ein künstlerischer Erfolg, als Betrachter immer auch die Freiheit nehmen, seine eigenen Erfahrungen hineinzulegen: ich sehe es auch als eine Erzählung über Männlichkeit. Denn auch das gehört zum Bild des Mannes: der Erfolg, und nie zu lernen um Hilfe zu bitten, ein scheitern einzugestehen. Hier taugt einer nicht zum pater familias, aber das darf nun eben nicht sein. Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf…
04.01.2026
Almodovar. Wie immer bei ihm muss man zuerst einige Hindernisse überwinden, das heißt sichan die überbelichtete Telenovelaästhetik von Felix Valloton Gemälden gewöhnen, udn auch daran, dass die Dialoge nicht „realisitisch§ sind, sondern im besten Sinn literarisch. Diese wunderschöne Künstlichkeit ist immer wieder ein Schock, der mich anfangs abstößt. Aber ist ist einfach wahnsinnig gut, wie er seine Grundfragen, wie hier die nach dem Tod und der Möglichkeit des guten Sterbens als wahre menschliche Fragen darstellt- also als Fragen die wahre Menschen haben udn stellen. Und dann immer diese „Emulation“ von Freundschaft, Empathie und Solidarität…
Mein Vater (66) hatte kürzlich einen Gichtanfall, muss ejtzt auf sein tägliches Bierchen verzichten und spürt jetzt das Alter.
Wie alle immer von mir wollen, dass ich akzeptieren soll, akzeptieren, akzeptieren…anstatt mir zu helfen eine Krankheit zu überwinden, geht es immer darum sie zu akzeptieren. Natürliuch ist es nicht wie Almodovars Figur so schön sagt, ein Heldenkamp Mensch gegen Krankheit, aber wo Heilung nicht ausgeschlossen ist, darf sie doch wohl ein legitimes Ziel sein.
05.01.2026
Helena aus Dingolfing hat gleich auf meine Mail reagiert und versprochen, sobald sie aus dem Weihnachtsurlaub zurück ist, sich um die Attest-Sache zu kümmern.
Die Hausarztpraxis reagiert erst heute. Und auch nur, weil ich doch angerufen habe und beim KI_Bot den Wunsch nach dem Rückruf durch einen Arzt hinterlegt habe. Dr. W. ruft mich an. Ich bin seit eineinhalb Jahren wegen ME/CFS in Behandlung und die Versicherung wolle jetzt wieder einmal ein Update…mhmhm sagt Dr. W. und wie geht es ihnen da jetzt so? Naja, ich habe großen Aufwand betrieben, Immunadpsorption Therapie X Therapie Y und es geht mir etwas besser. Bell-Score 10 auf (nach Selbsteinschätzung) 30-40. Aha, sagt Dr. W. Wie sieht es mit Psychoptherapie aus? Ja, mache ich, sage ich ihm. Hilft mir mit der Krankheit umzugehen. Ob das dafür Belege gebe, also Schriftliches, dass ich die Therapie unternehme. Ja, klar, sage ich. Ok, das sei nämlich aus seiner Sicht das Wesentliche, die Psychotherapie. Ach tatsächlich sage ich, Inwiefern? Um damit umzugehen.. Aja, das Wesentliche bei der Krankheit besteht also in der psychischen Anpassung an die Krankheit, frage ich (rhetorisch). Mhmh jaja, ob er sonst noch helfen könnte? Ich sage ihm einige Medikamente auf der Off-Label Liste, ob es Sinn mache die auszuprobieren….Ich führe diese Art von Gesprächen eigentlich nicht mehr direkt, damit mir geholfen wird, sondern um die Ärzte nicht vom Haken zu lassen und sie auf Probleme aufmersam zu machen. …Er halte davon nichts, wenn die Wirkung nicht belegt ist. Naja die Anwendung sit ja durchaus plausibel, sonst würden die nicht auf dieser Off-Label Liste stehen. Und die Off-Label Liste würde es nicht geben, wenn Menschen aufgrund unaushaltbarer Situationen nicht dringend Hilfe benötigen würden. Er wimmelt ab. Er verspricht mir meine Arbeitsunfähigkeit zu bestätigen udn fordert mich auf, ich solle meinen Therapeuten darum bitten ein paar Sätze über meinen Therapiefortschritt zu sagen. Ich sage nch einmal der Form halber, dass mich der Therapeut nicht wegen ME/CFS behandelt, sondern wegen einer rezidivierenden mittelgradigen Depression, aktuell in Remission.
10 Minten später erhalte ich das Attest mit folgendem Wortlaut:
Herr Brunner ist nach eingehender Untersuchung, weiterhin geistig und physisch nicht in der Lage seiner gewohnten Arbeit nachzugehen.
Ich schreibe zurück, das sei wohl gut gemeint (wahrscheinlich nicht einmal das) aber übergrtiffig. Ich sei sehr wohl geistig in der Lage dazu meiner Arbeit nachzugehen, ich habe keine kognitiven Eisnchränkungen und kann genauso denken wie vor Krankheit. Und ich sei auch absolut gewillt zu arbeiten. Aber ich kann nicht, weil mein Körper die dazu erforderliche Mobilität nicht erlaube. Ich hätte (und das entspricht ja der Wahrheit) verschiedenste Psychiater auggesucht und eine umfassende psychologische Diagnostik durchführen lassen, die alle zu dem Ergebnis kommen, dass ich unter keiner akuten Depression oder somatoformen Störung leide.
Daraufhin erhalte ich kommentarlos ein korrigiertes Attest, in dem „geistig und physisch“ durch „gesundheitlich“ ersetzt wurde.
Man wird ja leider etwas paranoid. Ich vermute, dass in diesem Attest irgendein Code versteckt ist, durch den der Arzt verdeckt mit der Kasse kommuniziert. Vielleicht heißt „eingehende Untersuchung“ soviel wie keinerlei Untersuchung. Was ja auch der Wahrheit entspricht. Aber bei welchem Kassenarzt wird man schon eingehend untersucht.
07.01.2026
Immer noch kein Geld. Kann gerade NICHTS kaufen.
Traum von einer gigantischen Bandprobe, eine Art Hearing zu dem überraschenderweise 50 oder 60 junge Musiker kommen. Wir mühen uns ab alle richtig zu verkabeln, aber dauernd gibt es irgendwo eine Rückkopplung oder Störgeräusche. Irgendwie bekommen wir es dann hin ein wenig zu proben. Ich spiele eine Art Orgel, die einen gigantischen Sound hat. Doch dann werden wir bombardiert. Der Proberaum ist mitten im Kriegsgebiet. Wir werden in eine Art Trichter getrieben bzw. sind schon dort. Es gibt kein Entrinnen.
Heute erhalte ich Besuch von T. T. ist ein alter Freund.Unsere Freundschaft war aber eigentlich immer mehr eine Freundschaft über dritte, aber jetzt seitdem ich diese Krankheit habe hat sich diese Freundschaft sehr vertieft. Es dürfte überhaupt das erste Mal sein, dass wir uns zu zweit sehen. T. ist ein wunderbarer Mensch. Sehr intelligent, sehr sozial, sehr menschenfreundlich und vielseitig interessiert. Ich finde (und das ist jetzt nur ein Versuch unser Verhältnis zu verstehen) wir sind uns in einer bestimmten Art und Weise der Gesprüchsführung sehr ähnlich, uns als Moderatoren zu begreifen – ja und überhaupt darin immer und überall ein intellektuelles Gespräch führen zu wollen. Da wir uns in manchem gleichen, fällt der Unterschied zwischen uns auf: und zwar unsere Ästhetik. Ich bin so ein Show-Off Typ, der gerne Mal Anzug trägt, er trägt meistens so schwarze Jeans und schwarzen Hoodie, begreift sich eher als Strippenzieher im Hintergrund, während ich Eitel bin ist er bestenfalls eitel in seiner Uneitelkeit. Seine Bescheidenheit ist entwaffnend.
Da wir beide wahrscheinlich nicht der Inbegriff von Maskulinität sind zeigt sich aber an unseren Gesprächen trotzdem etwas typisch männliches finde ich. So ein Mechanismus der gegenseitigen Bestätigung und Anerkennung.
Naja es macht einfach irrsinnig Spaß mit ihm zu Philosophieren.
28.01.26
In der Buchhandlung Analog werde ich wie üblich mit einer Tasse schwarzem Tee empfangen. Nach dem ich mit dem dampfenden Glas eine Weile um die hoch aufgeschichteten Regale geschlichen bin, kommt der junge Verkäufer, ein echter lesender Ideal-Buchhändler, als er mich durch die Büchlein der der Friedenauer Presse blättern sieht, und legt mir nahe „Das Haus“ von Julien Graq zu lesen. „Ich bin gerade dabei alles von der Friedenauer Presse zu lesen“, erzählt er mir. Das lässt mich aufhorchen. Jedenfalls lege ich das nicht ganz preiswerte Bändchen gleich auf meinen Einkaufsstapel, zu dem dann noch „Der Erlkönig“ von Tournier und „Schleifen“ von Elias Hirschl dazu kommen.
Anschließend schaffe ich es sogar noch zum Friseur. Endlich einmal wieder gepflegt aussehen. Während der Arbeit erzählt mir mein Stammfriseur in der Otto-Bauer-Gasse von seinen Kindern und tadelt mich wegen meiner vielen Schuppen. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich leider viel liegen muss und Haare waschen sehr anstrengend ist. Was ich ihm nicht erklären kann: wie, naja deprimierend, ich es selbst immer wieder finde, meinen eigenen Ansprüchen an mein Erscheinungsbild nciht mehr annähernd gerecht werden zu können. Gewichtszunahme, Muskelabnnahme, selten Duschen mit Haare waschen, ewig herumliegen, ungekämmt, permanent komische Schweißentwicklung…
31.01.2026
Heute mal wieder richtig schlecht. Ist wohl auch den sehr aktiven letzten Tagen geschuldet. Die Folgen sind bei mir immer etwa nach 72h zu spüren. Der Tag mit dem Gutachter-Besuch hängt mir vermutlich jetzt nach. Kann mich kaum ohne Übelkeit bewegen. Auch gestern habe ich ein wenig zu viel gemacht, fürchte ich. Ich habe mit meinem E-Scooter Katzenstreu gekauft. Aber ich musste die 10Kilo Packung halt einmal auf den Scooter wuchten, und zu Hause aufheben um das Streu in das Katzenklo zu füllen.Bevor ich nach Hause fuhr, habe ich mir einen Cappucino im Cafe Comet gegönnt, aber schon kaum mehr genossen, da ich mich bereits so unwohl fühlte. Dann habe ich noch den Teppich gesaugt, etwas zu essen gemacht. Und mit den Katzen gespielt. In der Summe reicht das für den Crash.