Das Haus des Rogoschin [Gedicht]

Das Haus des Rogoschin

1 (Auftakt)

Ich verspreche ehrlich zu sein. Ich werde mein Gewissen prüfen und spreche nur die
Wahrheit aus.
Er formt einen Trichter mit der Hand: „Ich bin hier“

Der Lärm ist unerträglich. Das Geräusch rätselhaft. Die Musik schön. Der Wald ist
dunkel, die Lichtung hell. Der Regen nass. Die Sonne warm.
Das Haus ist ein Ding in der Welt.
Das Haus hat einen Innenraum. Das Haus ist ein Ding in der Welt und hat
einen Innenraum.
Das alles ist der felsige Anteil am Untergrund, umspült von Lehm und Sand.

Sie liegt mit offenen Augen neben mir und zählt ihre Finger. Mein Atem lärmt, dröhnt in ihren Ohren. „Ich bin hier“, flüstert sie grimmig.
Der Lärm ist unerträglich. Das Geräusch ist ein Indiz. Die Musik ist schlechter als die
Stille. Zwischen den Bäumen scheint die Sonne. Auf der Lichtung wird das Wild
geschossen.
Die Türen lassen sich öffnen und schließen.

Wenn man nicht dort wohnt und wenn man von niemandem herein gebeten wird, ist das
Haus eine verborgene Sache.
Wann ist es eine verborgene Sache?
Wenn man es nie betreten hat.
Aber du kannst es doch trotzdem sehen. Das Äußere, ist
das etwa nicht das Haus?
Mein Haus ist fester als sein Untergrund.

Auf Gottes Erde gibt es Regen und Sonne, in den göttlichen Sphären gibt es kein Wetter.
Würde es jetzt regnen, es wäre mir gleich. Ich wünschte es würde draussen regnen, aus
Eimern giessen. Wir würden nach draussen gehen und nass werden bis auf die Knochen, bis in die Knochen.

Ich bin so primitiv. Ich bin einfach. An keinem Unglück bin ich schuld.

2 (Mein Haus)

Das Haus von Rogoschin
ist gegenüber der Kirche. (Der genaue Ort ist: hier) Es ist wie die abgeriebenen Stufen vor der Kirche. Es bleibt kalt in der Sonne.
Die Bäume halten sich zur Kirche auf dem Platz, selbst ihre Schatten. Das Haus trotzt
ohne Beistand der Sonne und dem Regen.

Er spricht mich an. Ich will wissen, was er denkt. Soll er mir
endlich sagen, was er wirklich will. Ich werde ihn nichts mehr fragen.
Meine Fragen an ihn sind die Antworten auf seine Fragen.
Er sagt die Wahrheit, weil er sich nicht schämt. Er lügt und täuscht, weil es gleich ist. Er ist simpel, noch simpler. Im Vergleich mit mir.

Es sammeln sich und hier und da ein paar Leute auf der Straße. Sie warten auf den Bus. Einige werden in die Kirche gehen. Manche sind auf dem Weg in ein Kino. Sie stehen unter den Bäumen, wippen auf ihren Fersen, auf und ab. Wer geht hinein in die Kirche und ins Kino?
Der da mit dem Schirm, der in seiner Ellenbeuge
baumelt.
Über die Straßenbahnschienen auf der Kreuzung rattern die Autos. Ein alt
Gewordener starrt in den Himmel und schlägt auf den Schenkeln einen Takt.

Als die Tür sich schließt, ein Lüftungssausen und das Knarzen der Dielen.
Was kann ich in Bezug auf mein Haus sagen? Arglos sein.

Nicht aber in den fensterlosen Mauern um steile Treppen arglos sein. Verstreute
Schatten, zappelnde Gardinen, verwehtes Licht. Im Aquarium in einem abgedunkelten
Zimmer flitzen hektisch ein paar glitzernde Fische. Es wollte schon länger jemand das
Altglas wegtragen. Jetzt zittert fiebrig eine Luftströmung in dutzenden Flaschen.
Die Flure aus dunklem Holz riechen würzig. Der Geruch haftet am Gaumen. Es ziehen
bittere Schwaden alter Luft aus dem Keller herauf und lagern hier und da in den Ecken.

Mit Korn gefüllte Mauern, Öl in den Tanks: das Haus von Rogoschin.
Was will ich in Bezug auf mein Haus sagen? Mein Haus so kirchenrein,
wie das von Rogoschin, mein Leben so voll, wie das von Rogoschin, alles,
was ich tue, wie das Wirken einer Linie.
(So kirchenrein ist es nicht sein Haus.)

Die Sonne über der Stadt wärmt die Mauerziegel. An ihrer Innenseite sind sie kalt. Seine
Schritte vor mir, von hinten holt mich ihr Echo ein.
Hall in dunklen Zimmern, unsichtbarer Raum. Nebel in der Nacht. Rogoschin dreht die
Schlüssel im Schloss. Er tippt den Code ein. Er abgewandt mein Spiegelbild, zugewandt
mein Feind.

Wenn ich hier etwas sage, hallt es nach in Rogoschins Haus. Wenn ich die Vasen
verrücke, bleibt eine Spur im Staub. Während er spricht, kratze ich den Dreck unter
meinen Nägeln hervor.

Was kann ich in Bezug auf mein Haus sagen? Da knackt und knirscht es in
der Tiefe. Ein Gurgeln im Brunnen. Ein Kristall im gigantischen
Gebirge. Unsichtbar und gegenwärtig. Die verborgene Wahrheit. Die fahle
Lüge. Der Dunst der Erfindung. Ein laues Blubbern von Butter in einer heissen Pfanne.

Die Glocken läuten, ich kann die Töne nicht zählen. Ich spreche über mein Leben, während auf den Stufen zur Kirche, an der Tramstation, die Glockentöne und der Wind die warme Körperluft aus den
Kleidern treiben. Man spricht von sich selbst, und sitzt ihm gegenüber, dem Rogoschin,
und zählt und rechnet, was wird er tun, und zählt und rechnet in kaltem Stein.

Unten auf der Straße bellt ein angebundener Hund die Passanten an. Zu hören ist er
nicht. Und was geht es mich an? Vor dem Kino unten auf der Straße steckt sich ein
Mädchen eine Zigarette zwischen die Lippen. Die Straße ist weit. Ich möchte ihr Feuer
geben.

Was will er nur? Was will ich nur. Was will ich von ihm.
Ich sitze ihm am Schreibtisch gegenüber.
Seine Schreibtischlampe leuchtet dem Rogoschin ins Gesicht. Rogoschins
Hinterkopf spiegelt sich im Fenster. Seine schönen langen Haare fallen
am Rücken sanft auf sein Seidenhemd.
„Du bist ein glücklicher Mann. Hast an deinem Unglück Glück genug. Von mir brauchst du nichts.“
Von seinen eigenen Worten ernüchtert bläst er den Rauch seiner Zigarette aus.

Es läuten die Glocken der Kirche so laut, die Wandlung, dass die Wände beben und die
Fenster klirren und ein Rumpeln durch die Balken geht. Über uns schwingt das Haus, im
Dachstuhl wird die Glocke hängen.

Rogoschin zieht jetzt die Vorhänge zu.
Was sie wohl in Bezug auf mein Haus sagen?
Er führt mich durch Gänge. Hier hinein und dann nach hinten. Hier ist es dunkel. Im
übernächsten Zimmer leuchtet das Aquarium. Von weit rechts hinten fällt Licht herein,
dort muss ein Fenster sein. Aus einer Ecke schnaubt ein Hund. Von einem Tischchen
springt leise ein Katze ab. Eine Vase wackelt.

Nur mit Rogoschin finde ich hinaus. Es ist sein Haus. Öl in den Tanks, Wein im Keller:
Das Haus von Rogoschin.
Was kann ich über mein Haus sagen? Es ist ein Dickicht, das man
zerschlagen muss. Ein Dickicht, das ich zerschlagen muss, ein Dickicht,
in dem man bleiben kann. Das Dickicht der Stadt, die Weite der Stadt.

Licht unter der Tür, von kleinen Fenstern zum Innenhof, Licht von der
Schreibtischlampe, vom Kaminfeuer. Die Schatten kreuzen sich.
Welches Haus ist meines? Wessen Haus ist das hier?
Es ist das Haus von Rogoschin.
(Vor dem Kirchtor, nach der Wandlung, vor dem Kino, nach dem Film,
der r e c h tmä ß i g e Einbruch der Wirklichkeit.)

Viel über Rogoschin gelernt. Wer er ist.
Das hier ist sein Haus.

Aber was kann ich in Bezug auf mein Haus sagen?
Es ist mein Haus.


Es riecht nach frischem Kaffee, ganz weit weg wird Geschirr auf Tablets balanciert. Das leise
Husten von Rogoschin aus dem hinteren Zimmer. Ich bin fast schon bei der Tür.

3 (Abgang und Danksagung)

Ihr kennt mich nicht. Und ich trage so schwer daran. Es ist ein Elend, dass es euch
entgeht, wie ich wirklich bin.
Ich will mich so gerne splitternackt ausziehen.
„Warum tust dus nicht?“
So, dass man wirklich alles sieht.
„Er ist nicht er selbst.“
Bis mein Innerstes im Licht des Tages leuchtet.
Kommt und seht mir zu!

Danke an euch alle!